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Wer loslässt, hat die Hände frei

Seit dem Ende meiner letzten langen Beziehung beschäftige ich mich mit dem Thema Loslassen. Nach der Trennung räumte ich ein Wochenende lang mit meiner Schwester meine Wohnung um, sortierte Schränke, Schubladen und Sideboards aus. Damals ein für mich notwendiger Prozess, da mit der äußeren Veränderung auch das emotionale Ausmisten begann. Motiviert von dem guten Gefühl erinnerungsschwere Dinge hinter mich gelassen zu haben, beschloss ich in an jedem der 365 folgenden Tagen von einer Sache aus meinem 65qm großen Haushalt zu trennen. Ich besaß nicht wenig. Aber auch nicht über alle Maßen viel.
Die ersten hundertfünfzig Tage fielen mir überhaupt nicht schwer. Von Kleiderschrank und Schmuckschatulle, über Stoffsammlung, Bücherregal und Kücheninventar nahm ich sämtlich Dinge in meinem Haushalt in die Hand und stellte mir die Frage, wann ich sie das letzte Mal verwendet habe. Ich stellte fest, dass ich mich dabei an die Herkunft nahezu aller Dinge erinnern konnte. Unter den ersten hundertfünfzig Teilen waren vor allem ungeliebte Geschenke, die niemals oder nur einmal verwendet wurden, Kleidung, die niemals getragen wurde sowie Bücher und Deko, die in den Regalen verstaubten. In den kommenden hundert Tagen ging es dann schon eher ans Eingemachte: Dinge, die einen emotionalen Wert für mich hatten, beispielsweise Tanzschuhe, die ich immer noch behielt obwohl ich schon seit Jahren keinen Tanzsport mehr machte. Oder das Paar Ohrringe, dass man im Urlaub vor drei Jahren in der niedlichen Boutique gekauft hat, aber welches man zu Hause nie trägt. Darüber hinaus begann ich bei weniger materiellen Dingen auszumisten: alte Unterlagen wie Kontoauszüge, Rechnungen und alte Mietunterlagen landeten im Reißwolf. Die Festplatte wurde ausgemistet, nicht mehr notwendige Dokumente gelöscht, ein Teil der unzähligen digitalen Urlaubsfotos ausgemistet. Denn auch digitale Besitztümer sind Dinge - selbst wenn sie zunächst wenig Platz im realen Leben wegnehmen. Aber wer schaut sich schon 800 Bilder vom letzten Urlaub an? Reichen nicht auch die 60 besten? Im letzten Schritt nahm ich all die doppelten Ausführungen der Dinge, die noch über waren, ins Visier: wieviele selbst gestrickte Wollsocken braucht mein Kleiderschrank? Wieviele Tassen sind notwendig und braucht man wirklich 4 verschiedene Tischsets in mehrfacher Ausführung? Über ein Jahr hinweg war ich am Ausmisten: ich war Daueranbieter bei Ebay Kleinanzeigen, Nachbarschaftsportalen und Kleiderkreisel, mehrfach im Jahr beim Flohmarkt und vermutlich treuster Versorger des Eimsbüttler Tauschtisches. Nach dem Jahr war meine Wohnung nicht nur luftiger, sondern mein Gefühl auch leichter und nebenbei mein Geldbeutel etwas voller.
Erst fast zwei Jahre später habe ich realisiert, dass die Ausmist-Aktion die ideale Vorbereitung auf die Reise war. Es ist mir nicht leicht gefallen, mich von den Dingen zu trennen und auch heute lebe ich bei Weitem nicht in einem minimalistischem Haushalt. Ich mag schöne Sachen, ich habe Spaß an geschmackvoll gestalteten Dingen und ich mag Einrichtungen mit Persönlichkeit und den gemütlichem Charme von Deko und Erinnerungsstücken. Und dennoch war ich überrascht wie befreiend Ausmisten ist. Wie viel Spaß es macht, Dinge, die man nicht mehr braucht, zu verkaufen. Das allerschönste jedoch ist es, Dinge zu Verschenken und vom Beschenkten mit leuchtenden Augen oder einem Lächeln entschädigt zu werden.
Als weiterer Nebeneffekt der Ausmist-Aktion stellte sich bei mir ein chronisches No-Shopping-Gefühl ein. Da ich mich jeden Tag mit dem Loswerden von Sachen beschäftigte, hatte ich wenig Interesse daran, neue Dinge anzuschaffen. Und wenn ich wirklich Bedarf hatte, dann nahm ich mir Zeit für die Auswahl, kaufte nur Dinge, die wirklich zu mir passten. Häufig wartete ich einige Tage mit der Entscheidung um sicher zu gehen, dass es die richtige ist. Und Kleidung kaufte ich nur, wenn sie hundertprozentig saß und ich natürlich nicht schon ein ähnliches Modell im Schrank hatte. Weniger Spontankäufe, weniger Kompromisse, weniger Fehlkäufe. So kam es, dass für mich das Bewusstsein über den eigenen Besitz das Bewusstsein über den eigenen Konsum schärft.
Im kommenden Jahr ging das Ausmisten auch ohne selbst auferlegte Regelung weiter. Zwar nicht so streng wie davor, aber dennoch regelmäßig. Und vier Monate vor der Reise hieß es dann noch mal gründlich ausmisten: vom Dachboden bis zur Küchenschublade. Glaubt mir, wenn man mal im Flow ist, dann läuft es fast wie von allein. Und nebenbei freute sich auch die Reisekasse.