· 

Nur ein sauberer Arsch juckt nicht

Neben materiellen und weniger materiellen Besitztümern, trägt jeder von uns emotionalen Ballast mit sich herum. Die ungeklärte Situation in einer Freundschaft, die dazu führte, dass man sich auseinanderlebte. Die nicht ausgesprochenen Gefühle für die letzte Affäre, die doch mehr war, als man eigentlich zugeben wollte. Die nie formulierte Kritik an einer Arbeitskollegin, die man schon längst mal in einem passenden Moment äußern wollte. Ich nahm die Reise zum Anlass nicht nur meine Wohnung auszumisten, sondern auch mit meinen Emotionen aufzuräumen. Die Liste dieser eher ungemütlichen Gespräche war vorerst überschaubar, aber wenn man erst mal anfängt, dann kommt schon einiges zusammen. Bei der Erledigung dieses Aufräumens ging es mir nicht darum, jedem meine Meinung oder mein Gefühl direkt ins Gesicht zu schleudern. Ich habe je nach Situation und deren Bedeutung die für mich passende Variante gewählt: ein persönliches Gespräch, eine Sprachnachricht oder das geschriebene Wort. In einzelnen Fällen habe ich auch beschlossen, gar nichts zu tun, aber innerlich mit dem Thema abzuschließen. So kann ich nun sagen, dass ich nicht in allem, aber zumindest in vielen Beziehungen klare Verhältnisse geschaffen habe. Und mit leichtem Gepäck reist es sich bekanntlich leichter - auch oder gerade in emotionaler Hinsicht.
Darüber hinaus bin ich mehrfach über meinen eigenen Schatten gesprungen. Von Natur aus bin ich eher konfliktscheu und harmonieliebend. Kritik äußern, Vergangenes aufwühlen, über Gefühle sprechen - das zählt wirklich nicht zu meinen Stärken. Über Wochen hinweg habe ich mich diesen Herausforderungen gestellt. Bei für mich besonders schwierigen Gesprächen habe ich die Unterstützung meiner Schwester gebraucht, die mich wahlweise auf den Pott setze ("Juli, hast du den etwa immer noch nicht angerufen und reinen Tisch gemacht?!") oder die Dinge, die in meinem Kopf so komplex erschienen, mit wenigen Worten auf das Wesentliche gebracht. Jedes Gespräch war es wert geführt zu werden und ich ging stets mit einem positiven Gefühl aus der Situation. Mit Sicherheit kann ich es nicht sagen, aber ich hatte das Gefühl, dass es meinem Gegenüber häufig ebenso ging. Ich räumte dadurch nicht nur mein Inneres auf. Ich trainierte auch eine Eigenschaft, die für mich auf der bevor stehenden Reise unabdingbar werden wird: zu sagen, was ich möchte. Kritik zu äußern, wenn Dinge nicht so laufen, wie geplant oder gewollt. Ich bin gespannt, wie ich diese Eigenschaft im kommenden Jahr von einer mich selbst einschränkenden Schwäche in ein annehmbares Mittelfeld weiterentwickeln werde. Challenge accepted!