Pucón

 

Nach 12 Stunden Fahrt im Nachtbus erreiche ich gegen 9.20 das Städtchen Pucón. Das Semi-Cama im Nachtbus hat mich nur 13.600 Pesos (ca. 18€) gekostet und aufgrund der sehr bequemen und nach hinten verstellbaren Lehne konnte ich 9 Stunden durchschlafen. Ein kleines Kissen und einen quitschgrüne Fleecedecke des Anbieters Turbus ist für die Dauer der Reise inbegriffen.
Das kleine Städtchen Pucón empfängt mich mich heftigem Regen und einer fiesen Kälte bei 7 Grad. Herrlich. Mit Regenjacke, meinen wasserdichten Wanderschuhen und meinen beiden Rucksäcken mache ich mich auf den Weg zum Medical Center. Hier arbeitet mein Gastgeber Eduardo. Dort angekommen muss ich nicht lange warten und lerne Eduardo kennen, der mir kurz darauf seinen Schlüssel gibt. Manchmal wundert es mich schon sehr, dass einem so viel Vertrauen entgegen gebracht wird. Er wohnt praktischerweise nur eine Straße weiter und so stehe ich kurze Zeit später vor einem kleinen roten Häuschen aus Holz. Da das Wetter nicht bedeutend besser geworden ist, beschließe ich kurzerhand einen Tag Pause zu machen. Ich spüle den Geschirrturm von Eduardo, gehe einkaufen und entspanne während der Regen auf das Dach prasselt. Erkenntnis des Tages: go with the flow - wenn das Wetter nicht mitspielt, passe deine Pläne an.
Nationalpark Huerquehue
Am nächsten Morgen geht es früh los und ich fahre in den ca 36km entfernten Nationalpark, den man so ähnlich ausspricht wie der Titel des WM-Songs von Shakira. Die Fahrt mit dem Veranstalter Caburgua dauert ca. 1 Stunde und kostet mich nur 4000 Pesos hin und zurück. Da Nebensaison ist, sind die Gebühren für den Park reduziert (2500 Pesos). Da auf den oberen Wegen noch Schnee liegt, ist die Wanderstrecke nur bis zu den Seen möglich. Hin und zurück dauert die "Sendero Los Lagos" ca. 5 Stunden. Je nach Abstecher zu den "Cascadas", den Wasserfällen, kann es auch mehr sein.
Da es gestern so viel geregnet hat, sind die Wege in den oberen 2/3 des Wanderweges sehr schlammig. Da der Schnee schmilzt, fließt das Wasser teilweise regelrecht die Wege hinunter. Ab und an versinke ich mit dem Schuh komplett im Matsch. Mehr als einmal bin ich sehr dankbar, dass meine Wanderschuhe wasserdicht sind. Die Strecke gleicht in Abschnitten einem Geschicklichkeitstraining: ich laufe über rutschige Brücken, balanciere über Äste durch gigantische Schlammpfützen und suche auf nassen Steinen halt. Meistens bin ich komplett alleine und höre nur die Geräusche der Natur und meine Schritte. Es ist wunderbar. Ich genieße jede Sekunde.
Die Besichtigung des Cascada Trafulco ist allemal die Mühe wert. Ich bin ganz alleine und schaue mir die Wassermassen an, die da den Berg runterbrausen. Auf der weiteren Strecke nach oben, gibt es zwei Aussichtspunkte (Mirador), die einen sehr schönen Blick über den Tinquilco See ermöglichen. Auf dem kleinen Seenplateau angekommen, bin ich vom Lago Chico sofort begeistert. Eine hölzerne Brücke, glasklares Wasser, umgeben von Mischwald. Pause mache ich am Lago Verde und genieße meinen Avocado-Tomaten-Salat mit Blick auf die schneebedeckten Berge. Für den Abstieg nehme ich mir Zeit, da ich keine Stöcke habe, die mir Halt verschaffen könnten und zudem habe ich immer noch Probleme mit dem Bluterguss im rechten Knie. Im letzten Drittel des Weges fängt es leise an zu regnen und kurz vor Ende springen kleine Hagelkörner um mich herum. Zurück beim Eingang sinke ich erschöpft auf die Bank und warte auf den Bus, der mich zurück nach Pucón bringt. Erkenntnis des Tages: wandern macht glücklich. Und müde.
Der nächste Tag beginnt mit Ausschlafen. Dann begebe ich mich auf die Suche nach einer Wäscherei. Die erste, die bei Google angezeigt wurde, gibt es nicht mehr. Die zweite ist Freitag nachmittags und samstags geschlossen. Bei der dritten Wäscherei, la lavandería Magda, habe ich Glück. Zwei alte Damen kümmern sich für 4800 Pesos um die Reinigung. Was ich daraus lerne: Plane ausreichend Zeit ein für Dinge, die du vorher noch nicht gemacht hast.

Da heute die Sonne scheint und der Himmel in schönsten Azurblau strahlt, mache ich noch einen Abstecher zum See, an dem Pucón liegt. Dort genieße ich die Aussicht auf den sich auftürmendem Vulkan, der noch komplett mit Schnee bedeckt ist. Ein wahnsinniger Anblick.
Termas Los Pozones
Wo ein Vulkan ist, sind heiß Quellen nicht weit. In der näheren Umgebung tummeln sich exklusive Spa-Hotels wie auch einfache Thermen. Ich folge dem Rat des netten Herrn aus der Touristeninformation und entscheide mich für den Besuch einer einfachen, naturbelassen Therme. Ich nehme den Bus des Unternehmens Pullman für 3600 Pesos hin und zurück. Eine Stunde fahren wir durch die Berge, teilweise auf Straßen, die so viel Schlaglöcher haben, dass der Bus ständig sein Tempo verlangsamen muss. Die Gegend mit ihren kleinen Holzhäuschen, sattgrünen Wiesen, dem Wald und den grasenden Kühen erinnert mich stark an die Schweiz. Es fühlt sich ein bißchen wie zu Hause an.
Nach dem ich die kleine Eintrittspforte passiere (8000 Pesos für max. 3 Stunden), geht einen Weg hinab. Unten angekommen, gibt es fünf Becken, die mit natürlichen Steinen gebaut sind. Sie sind unterschiedlich groß und tief und auch unterschiedlich temperiert - von mäßig bis heiß ist für jeden Geschmack was dabei. Drumherum viel Gras, etwas Kies, naturbelassenes Holz. Alles open air. Da heute die Sonne scheint, besteht sogar die Möglichkeit sich ein Stündchen auf Gras zu legen und dem laut tosenden Fluss nebenan zu lauschen. Ich bin fast alleine und kann mein Glück, in dieser natürlichen Riesenbadewanne zu sitzen mitten in der Natur, gar nicht fassen. Durchgekocht und mineralisiert mache ich mich mit dem Bus auf den Heimweg.
Am späten Nachmittag ist mir ein wenig nach Heimat und ich gehe in das Café Berlin. Hier gibt es Kuchen und es läuft deutsches Radio. 
Dann spaziere ich zu meiner Unterkunft und genieße den Blick auf die von der Sonne rot angeleuchtete Bergkette. Ich habe Pucón richtig ins Herz geschlossen. Die Menschen sind sehr hilfsbereit, die Natur ist atemberaubend und überall riecht es nach Holzofen.
Morgen geht's weiter nach Valdivia!