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Geisterstadt G20

Als wir von unserem Ausflug von der Estancia zurück kommen, erkundigen wir uns zum Ersatzverkehr wegen des G20 Gipfels, der in den kommenden Tagen hier in Buenos Aires stattfinden wird. Besser gesagt: wir versuchen uns zu erkundigen. Denn weder am Busbahnhof noch im Terminal von Tienda Leon weiß man Bescheid, welcher Bereich genau gesperrt wird und bis wann die Sperrung aufrecht erhalten wird. Wie so häufig hier in Argentinien heißt es: "Wir werden morgen sehen, was passiert und dann reagieren." Oder vielmehr improvisieren denke ich mir. Wunderbar, wenn man, wie meine Schwester, in zwei Tagen zum Internationalen Flughafen muss. Im Internet gibt es zur Sperrung leider auch nichts konkretes - das wundert mich nicht. So viel habe ich in den wenigen Wochen Argentinien schon gelernt: geplant wird wenig, informiert noch weniger. Ich spreche auf der Straße mit mehreren Polizisten und langsam aber sicher dämmert uns, dass unser Appartement, das wir über Airbnb gebucht haben, direkt im Sperrbezirk liegt. Es sollen in diesem Bereich weder Autos, noch Taxen, weder Busse noch Metros fahren. Wer hätte das ahnen können. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.

Am folgenden Morgen stehe ich erwartungsvoll am einsamen Terminal von Tienda Leon. Der nächste Besuch steht an und ich freue mich wie verrückt, als ich nach acht langen Wochen endlich wieder meinem Freund gegenüber stehe. Verrückt, dass er auf einmal aus diesem Bus steigt. Vom ersten Moment an, fühlt es sich so an, als wäre ich nie weg gewesen. Vertraut. Vermisst. Verliebt.
Am Nachmittag spazieren wir zu dritt durch das immer einsamer werdende Buenos Aires. Alles ist vorbereitet für massive Straßensperrungen. Da die Metro diesen Abend noch fährt, nutzen wir die Gelegenheit um im Viertel Palermo ein typisch argentinisches Asado zu essen. Die beiden gönnen sich einen großen argentinischen Grillteller; für mich gibt es eine Art Lasagne aus dem Ofen.
Der nächste Tag beginnt früh, da wir meine Schwester zu Fuß zu dem Bereich bringen müssen, in dem Autos fahren dürfen. Von dort versuchen wir ein Uber zu bestellen oder alternativ ein Taxi zu bekommen. In einem der wenigen geöffneten Cafés frage ich nach WLAN. Die Kellner lungern zwecks fehlender Kundschaft gelangweilt am Tresen herum und scheinen sehr interessiert an der vorliegenden Problematik des Flughafentransfers. Über Uber ordern wir einen Fahrer, der auch wenige Minuten später meine Schwester abholt. Es ist leider ein sehr kurzer, viel zu rasanter Abschied wegen der Aufregung, der Spannung und der Unsicherheit, die wie Nebel auf dieser Stadt liegt. Da ich glaube, dass das zu kurz kam: Schwesterherz, es war wunderbar, dass du hier warst und mit mir gereist bist. Und danke, dass du mir auf die Finger gehauen hast, was das Tempo des Reisens angeht. Ein paar Tage Pause machen, nichts tun und entspannen ist wichtig. Auch oder insbesondere beim Reisen. 
Die folgenden Tage spazieren Justus und ich durch die leeren Straßen von Buenos Aires. Alles steht still. Läden sind geschlossen. Restaurants verriegelt. Selbst die Parkanlagen sind zu. So muss es sich anfühlen, wenn ein großes Unglück fast die komplette Bevölkerung ausgelöscht hat. Buenos Aires gleicht einer Geisterstadt. Wir spazieren durch das Hafenviertel Puerto Madero, durch Recoleta, San Telmo und Palermo und fragen uns ständig, wo denn all die Bonarenser hin sind. Sitzen die bei Sonnenschein in ihren Wohnungen, warten geduldig bei Mate-Tee und Medialunas bis das hier alles vorbei ist? Und wo findet eigentlich genau das Gipfeltreffen statt? Und wo die Demo? Wir bekommen von alldem nichts mit. Wir genießen nur die einmaligen Gelegenheit diese Metropole in dieser ganz besonderen Atmosphäre zu erleben.