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Cerro de los Cuervos & der wild gewordene Hund

Im Landesinneren besichtigen wir die beiden Städte San José de Mayo und Minas - beides Orte, die sehr authentisch sind und in denen sich um diese Zeit vermutlich seltener Touristen verirren. Wir spazieren etwas um die Plazas und schauen uns alte Kirchen sowie das alte Theater in San José an. Noch haben wir keine Unterkunft gebucht und der Wifi Empfang hier ist eine mittlere Katastrophe. Das macht es natürlich unwahrscheinlich schwer eine Unterkunft zu suchen und spontan noch zu buchen. Insbesondere weil hier im Landesinneren die Auswahl an günstigen Unterkünften sehr begrenzt ist. Und ein Hotel für 80€ die Nacht würde den finanziellen Rahmen, der durch das Mietauto schon etwas beansprucht ist, sprengen. Wir beruhigen uns mit der Tatsache, dass wir zur Not immer noch im Auto schlafen können. Dennoch merke ich, wie ich gegen späten Mittag etwas unruhig werde. Ich weiß einfach gerne morgens, wenn ich in den Tag starte, wo ich die Nacht verbringe. Die Touristeninformationen können uns jeweils auch nicht wirklich helfen. Nach meiner bisherigen Erfahrung mit dieser Anlaufstelle für Touristen, wundert mich das nicht. Wir beschließen zähneknirschend uns vom Misserfolg nicht den Tag verderben zu lassen. Es wird sich schon fügen, sage ich mir. Dann machen wir uns auf zum Ausflug in die Natur: zum Cerro de los Cuervos.
Die Wanderung beginnt auf einem Campingplatz in der Nähe von Minas. An der Pforte vorne sagt man kurz Bescheid, dass man auf den Berg wandern möchte, dann darf man passieren. Nachdem wir das Auto abgestellt haben, besichtigen wir noch kurz eine der Cabañas, die hier vermietet werden. Diese ist so schmuddelig und schmutzig, dass wir dankend ablehnen. Um die Wanderung zu beginnen, müssen wir auf die andere Seite des Flusses. Dies gelingt mit einem etwas improvisiertem Floß, das vom Campingwächter verwaltet wird. Die Nutzung kostet circa 100 Pesos pro Person und die Überfahrt ist irgendetwas zwischen wahnwitzig und fahrlässig. Der TÜV würde das zusammen geschusterte Floß aus Recyclingmaterialien niemals durchgehen lassen - aber wir sind ja nicht in Deutschland. Am anderen Ufer angekommen, ruft mir der Wächter einige Anweisungen für den Weg auf spanisch zu. Ich verstehe nur "orangene Markierung" sowie "erst nach rechts, dann nach links zu Spitze". Wird schon passen - also gehen wir los! Schon nach kurzer Zeit stehen wir auf dem oberen Plateau des Berges. Die Sicht ist wirklich schön - Uruguay ist hier im Landesinneren wirklich sehr dünn besiedelt, naturbelassen und schlichtweg bezaubernd. Wir folgen immer den orange farbigen Markierungen und wundern uns, warum dieser Weg zurück so unfassbar lange dauert. Mein Orientierungssinn hat schon längst jegliche Peilung aufgegeben. Nach etwa zwei Stunden kommen wir in die Nähe von einem Kletterpark mit einer kleinen Estancia, die wir von weitem sehen. Was wir auch von Weitem sehen, sind zwei Hunde, die plötzlich bellend auf uns zugerannt kommen. Ich habe eigentlich keine Angst vor Hunden, aber in diesem Fall würde ich mal eine Ausnahme machen. Wir rennen in die andere Richtung, aber einer der beiden Hunde ist so schnell bei uns, dass mir ganz anders wird. Mein Freund nimmt mich an dich Hand, da der Hund relativ schnell verstanden hat, dass ich das kleinere und leichtere Ziel bin. Er umkreist uns, duckt sich immer wieder und fletscht dabei seine Zähne um in einigen Bewegungen nach mir zu schnappen. Wir drehen uns um einander, immer den wild gewordenen Hund im Auge, bis ich einen Stock am Boden zu fassen bekomme. Dies erleichtert es, den Hund auf Abstand zu halten und uns so schnell wie möglich rückwärts zu bewegen. Nach kurze Zeit scheinen wir das Territorium verlassen zu haben. Der Hund lässt von uns ab und kehrt um. Wir laufen schnellen Schrittes den Berg hoch und folgen etwa eine weitere Stunde den orange farbigen Markierungen bis wir zu einer Kletterwand kommen. Davon habe ich tatsächlich im Reiseführer gelesen - jedoch nicht für die Wanderung des Cerro de los Cuervos. Uns wird klar, dass wir uns verlaufen haben. Immer noch im Glauben an die orange farbige Markierung laufen wir weiter abwärts um uns in der Ebene zurecht zu finden und zum Fluss zu laufen, den wir zu Anfang überqueren mussten. Nachdem wir abgestiegen sind, deutet mein Freund auf ein Haus. Ich kann es nicht fassen. Es ist die Estancia vom Kletterpark. Allerdings diesmal von der anderen Seite. Wir sind in Kreis gelaufen. Und als uns das dämmert, haben uns auch schon die Hunde vom Weitem entdeckt. Wieder rennen wir los. Diesmal haben wir beide einen Stock in der Hand. Aber wir sind zu weit weg - das Gebelle lässt schnell nach. Noch nie bin ich so schnell gerannt. Wir halten an, sind aus der Puste und laufen ab jetzt nur noch nach der Orientierung meines Freundes. Es geht querfeldein über Schafsweiden und an Kuhherden vorbei, durch das Dickicht und unter Zäunen hindurch. Nach einer guten halben Stunde kommen wir wieder am Floß an, wo uns der Campingwärter schon erwartet und uns auf die andere Seite bringt. Als ich ihm erzähle, dass wir der Markierung nachgelaufen sind, schüttelt er nur den Kopf und sagt lachelnd: "Aber ich habe doch extra noch gerufen, dass ihr NICHT der Markierung folgen sollt. Die stammt von einem Orientierungslauf, der hier vor kurzem stattfand." Mein Freund und ich schauen uns lächelnd an, zucken die Schultern und verbuchen das unter der Rubrik "Abenteuer in Uruguay".
Zurück in Minas klappern wir mehrere Bars und Cafés nach Wifi ab, um erneut frustriert und dazu noch müde und verschwitzt, nichts zu erreichen. Kurzerhand kauft mein Liebster Datenvolumen für sein Handy und bucht eine Unterkunft an der Küste. Ich bin einfach nur zufrieden, dass wir nun wissen, wo wir unterkommen. Fast drei Stunden später kommen wir in der Unterkunft an, wo wir sehr freundlich von einem deutsch sprachigen Freund des Besitzers empfangen werden. Beim Buchen haben wir leider einen Fehler gemacht, denn es ist nur ein Gast angegeben. Wir diskutieren nicht lange rum, sondern bezahlen einen Aufschlag für die zweite Person, da wir beide wollen, dass dieser Tag endlich zu Ende geht. Das gemietete Doppelzimmer in einer Cabaña sieht auf den ersten Blick okay aus. Als wir jedoch eine Dusche nehmen, sowohl Handtücher als auch Bettwäsche und den Rest inspizieren wird uns ganz anders. Es ist schlichtweg schmutzig. Alles. Und dabei ist die Unterkunft noch nicht mal günstig. Ich bin fix und fertig von diesem Tag, an dem einfach nichts so richtig klappen will. Wir beraten kurz, was wir tun und beschließen dann, lieber jetzt zu handeln und einen Teil des bereits bezahlten Geldes zurück zu bekommen. Also packen wir unsere Sachen und stehen kurze Zeit nach Checkin wieder an der Rezeption. Nachdem ich dem Besitzer am Telefon erkläre, was das Problem mit der Sauberkeit ist, muss ich mir kurz eine Tirade auf unverschämte Europäer und deren Erwartungen anhören. Ich ertrage das einfach, denn es ist spät am Abend und ich bin müde und eigentlich ist mir alles egal. Meine Sachlichkeit und Ruhe hilft. Wir bekommen das Geld wieder zurück, lassen aber 8 Dollar da, weil wir die Dusche benutzt haben. Wobei unsere Benutzung die Dusche wahrscheinlich sauberer hinterlassen hat als sie vorher war.
Wir sitzen also wieder im Auto. Kurzerhand buchen wir das nächste Hostel, das sich glücklicherweise in der Nähe befindet und verfügbare Doppelzimmer hat. 15 Minuten später stehen wir im Eingang des Balconada Beach Hostels. Es liegt direkt am Strand und ist schon alleine dadurch um Längen besser als die Cabaña, die an einer Bundesstraße lag. Die sehr nette Hosteldame sagt uns, dass wir leider kurz waren müssen, weil sie das Zimmer noch reinigen muss. Immerhin putzt hier jemand - ich sehe das als gutes Zeichen. Wir müssen sowieso das Auto umparken und kaufen uns auf dem Weg in einem Kiosk noch ein Bier. Das muss jetzt einfach sein. Auf dem Balkon genießen wir kurze Zeit später das eiskalte Bier bei Meeresrauschen. Es ist fast 1 Uhr und ich bin glücklich, dass wir trotz dieser Widrigkeiten den Tag zusammen  gemeistert haben. Eine kleine Bewährungsprobe für uns als Paar. Aber auch für das Reisen an sich - so wie es ja bereits in Córdoba der Fall war. Es gehört dazu, dass Dinge nicht immer so laufen, wie du es dir wünscht. Ich jedenfalls habe für mich gelernt, dass ich nicht total spontan über Unterkünfte, in denen ich schlafen und Orte, die ich besichtigen will, entscheiden kann. Ich kann mich nicht komplett vom Tag leiten lassen und darauf vertrauen, dass irgendwo heiliges Wifi auftaucht, eine tolle günstige Unterkunft mit Meerblick und ein verstecktes Paradies an der nächsten Bucht zu finden ist. Ich brauche zumindest eine rudimentäre Struktur, eine grobe Route und ein Bett für die nächste Nacht. Alles andere macht mich knatschig und unzufrieden. Und das kann man ja auch nicht auf Dauer ertragen. Weder ich noch andere.