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Esquel - Nationalpark Los Alerces

Von Bariloche aus nehme ich den Bus nach Esquel. Nach vier Stunden komme ich am Busbahnhof an, wo mich mein Gastgeber Martin netterweise abholt. Esquel liegt in einer Ebene, umgeben von mehreren Hügeln. Die Stadt ist nicht besonderes zu bieten und ist relativ unaufgeregt. Ich bin hier, weil ich den Nationalpark Los Alerces besuchen möchte.

Am nächsten Tag geht es früh los, denn um 8.00 fährt das Collectivo zum Park. Die Sonne scheint, es sind an die 20 Grad und es ist nahezu windstill. Perfektes Wetter für eine Trekkingtour. Martin bringt mich auf dem Weg zur Arbeit dort vorbei. Als wir in der Halle stehen, ist der Schalter vereinsamt. Wir stehen ratlos vor dem großen Plakat "Todos los días a los Alerces". Plötzlich fällt uns der kleine Abfahrtsplan ins Auge auf dem im Kleingedruckten steht "sólo miercoles, sabados y domingos" - "fährt nur mittwochs, samstags und sonntags". Gut, dass heute Dienstag ist. Das ist so typisch für Argentinien. Mich wundert hier gar nichts mehr. Also bleibt mir nichts anderes übrig als die 70km zu trampen. Ich bin ja nicht hierher gekommen und früh aufgestanden um jetzt aufzugeben. Also bring mich Martin mit dem Auto an eine, in seinen Augen geeignete Stelle, um per Anhalter zum Park zu kommen. Es ist 8.15 Uhr. Ich stehe mitten im Nirgendwo und vertraue einfach, dass das schon klappen wird. Keine 10 Minuten später sitze ich bei Tomàs im Auto, der als Förster im Park arbeitet und mich bis zum Eingang mitnimmt. Da nur in der Hauptsaison Gebühren für den Parkbesuch anfallen, komme ich um das reguläre Eintrittsgeld von 250 Pesos herum. Dann warte ich erneut nur eine kurze Weile bis mich Walter mitnimmt, der mit seiner Tochter Catalina unterwegs ist zum Kayaking. Wir reden viel über Argentinien und meine Reise, während der Schotterweg sich entlang von Hügeln, Seen und Flüssen schlängelt bis ich an meinem Ziel ankomme.
Der Parque Nacional Los Alerces liegt im Andengebiet in Patagonien und grenzt im Westen an Chile. Gletscher haben einst diese spektakuläre Landschaft geformt, die heute durch Waldbestand, Moränen und kristallklare Seen besticht. Anders als in den Nationalparks, die ich vorher besucht habe, gibt es hier besonders viele Lärchen, "los Alerces". Der Park wurde 1937 gegründet und letztes Jahr zum Weltkulturerbe erklärt. Lärchen können bis zu 3.600 Jahre alt werden und gehören damit zu einer der am längst lebenden Spezies unter den Bäumen. 
Ich nehme mir den Pasarela Rio Arrayanes vor. Er führt in einem Rundweg von etwa 1.5h durch das Gebiet, vorbei am Lago Menendez, Lago Verde und Rio Arraynes und erklärt mit vielen Informationstafeln mehr zur Flora und Fauna. Der Weg ist sehr einfach und es gibt eine eindrucksvolle leicht schwingende Brücke sowie unterschiedliche Aussichtspunkte. Besonders schön ist der Mirador Glaciar, von dem man aus einen guten Blick auf den gegenüberliegenden Gletscher Torrecillas hat. Nach den etwa 5km komme ich wieder am Ausgangspunkt an. Es ist noch zu früh um den Heimweg anzutreten, also komme ich der Empfehlung von Martin nach und mache mich auf den Weg zur Laguna Escondida, der versteckten Lagune. 
Circa 1.5km muss man auf der geschotterten Hauptverkehrsstraße laufen, dann markiert ein in gelb angestrichener Holzpfahl den Beginn des Wanderwegs. Etwa 4.4km geht es dann recht steil hinauf. Der Weg ist nicht einfach, da er zwar ganz gut mittels eines gelben Kreises markiert ist, dafür aber die Erde sehr locker ist und man bei der Steigung kein leichtes Spiel hat. Dazu kommt, dann es sehr viele unfassbar große Stechmücken gibt. Sie surren minutenlange um mich herum, setzen sich immer wieder auf meine Kleidung und versuchen mich mit ihrem großen Rüssel zu stechen. Je weiter ich mich der Lagune näher, desto schlimmer wird es. Irgendwann trage ich bei 25 Grad und Sonne meine Fleecejacke mit aufgezogener Kapuze und schlage mit einem Ast um mich. Da ich aufgrund der Mücken fast keine Pause mache, bin ich in etwas mehr als einer Stunde schon am Ziel. Jedoch ist auch an der Lagune nicht lange rasten, da mir die Viecher wirklich auf die Nerven gehen. Und die Stiche tun richtig weh! Also mache ich ein schnelles Foto und brechenden wieder auf. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich den gleichen Weg wieder zurück gehen muss. Aber auf maps.me sehe ich, dass ich auch einen anderen Weg wandern kann um zur Hauptstraße zurück zu kehren: Huella Andino, markiert in einem blau-weißen Streifen. Der Rückweg gestaltet sich ähnlich schwierig aufgrund der lockeren Erde, ab und an muss ich die Markierung suchen. Ich treffe drei Amerikaner, die etwas verwirrt sind und mich nach dem Weg fragen. Sonst ist hier niemand unterwegs. Als ich wieder auf die Hauptstraße stoße, ist es 15.30 Uhr und es ist fast kein Auto zu sehen. Ich laufe noch weitere 3km bis ich am Straßenrand einen weiteren Tramper sehe. Ich geselle mich zu ihm und wir warten gemeinsam an der steinigen Straße auf Autos. Edward und ich vertreiben uns die Zeit mit Reisestories und er gibt mir Tipps zum Trampen. Über eine Stunde hält niemand an, um uns mitzunehmen. Ich habe Hunger, weil ich nur ein paar Kekse zum Frühstück und einen Müsliriegel zum Mittag hatte. Leider kann ich auch niemanden anrufen, da man hier im Park keinen Empfang hat. Eigentlich werde ich in solchen Momenten unruhig, aber erstens hat Edward Erfahrung mit dem Trampen und ist die Ruhe selbst. Und zweitens hat er ein Zelt dabei. Im äußersten Notfall ist da sicherlich Platz für zwei. Also warte ich geduldig, denn meine Intuition sagt mir, dass ich heute nach Esquel zurück komme. Dann endlich hält ein Auto. Julian und Eva aus der Schweiz nehmen uns mit! Wir verstehen uns sehr gut und als Edward vorschlägt, noch in der City ein Bier zu trinken, sage ich nicht nein. Danach gehe ich einkaufen und koche abends Pasta für Martin und mich. 140km Trampen - mein neuer Rekord! Was für ein toller Tag!