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Argentinien und der Tango

Buenos Aires gilt als die Geburtsstadt des Tangos. Der Tanz ist Ausdruck von Leidenschaft, Melancholie und Schmerz. Seinen Ursprung findet der Tango in den Armenvierteln der Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals kamen Einwanderer aus Spanien, Italien und Osteuropa nach Buenos Aires, um hier ein neues Leben zu beginnen. In diesem Schmelztiegel entstand der Tango, der zunächst in Bordellen und am Stadtrand Anklang fand und daher bei der Oberschicht als verrucht galt. Der Stadtteil La Boca - heute bekannt für seine bunten Häuser und den Fußball - war damals das Arbeiterviertel und galt als das Zentrum des Tangos. In den Liedern beklagen die Sänger ihre teilweise erbärmlichen Lebensbedingungen und den Alltag der Arbeiter, geprägt von Heimweh, Traurigkeit und enttäuschter Liebe. Erst nachdem der Tango Anfang des 20. Jahrhunderts international Resonanz erhielt, wurde er in Argentinien gesellschaftsfähig. Kurze Zeit später erfuhr er mit Tanzcafés und Tangotheater einen regelrechten Hype. 
Heutzutage ist der Tango fast überall in der Stadt präsent: ob durch tanzende Showpaare in La Boca oder durch spontane Open Air Milongas für Jedermann auf dem Plaza Dorrego in San Telmo. Ob Mann mit Mann, Frau mit Frau, Alt mit Jung oder wer auch immer - im Tango sieht man viele interessante Kombinationen.


In meinen Augen ist der Tango mehr als nur ein Teil argentinischer Kultur und Identität. Er verkörpert auch die aktuelle wirtschaftliche und soziale Situation vieler Argentinier. Zum Einen durch das hervorstechende Merkmal des Machismo: der Mann fordert auf (durch Augenkontakt!), der Mann führt. Übertragen auf die gesellschaftliche Situation findet man in Argentinien noch heute in jedem Mann einen Macho. Frauen gehen zwar arbeiten, machen aber zum Großteil den kompletten Haushalt und kümmern sich um die Kindererziehung. Die Frau hat noch immer eine untergeordnete Rolle in der Gesellschaft; selbst Abtreibung ist hier nicht legalisiert. Zum Anderen ist da der Schmerz und die Melancholie, die der Tanz verkörpert. Die stark rezessive Wirtschaft macht es vielen Argentiniern schwer, ein gutes Leben zu führen. Sie brauchen zwei Jobs, um die Miete zu bezahlen und können währenddessen dem Peso dabei zusehen wie er an Wert verliert. Die politischen Lager sind tief gespalten, es gibt keine einheitliche Linie für das Land und der politische Alltag ist von Korruption und Vertrauensbruch geprägt. Viele haben den Glauben an Besserung schon längst verloren, denn die Argentinier sind Krisen gewöhnt. Sie nehmen es schulterzuckend, unbeteiligt, fast schon gelassen. Sie leiden unter der Situation, scheinen aber vergessen zu haben, dass nur sie selbst etwas daran ändern könnten. Deswegen machen sie irgendwie weiter. Lassen sich führen von den Machos, beklagen wehleidig ihren Alltag und die Aussichtslosigkeit und suhlen sich mit geschlossenen Augen im Klang der Korruption. 


La Catedral Club
Eines meiner Highlights in Buenos Aires! Dieser Tango Club ist in eine ehemalige Kathedrale eingezogen. Alles hier ist improvisiert - von zusammen gestückelten Secondhand Möbeln bis hin zu abgeschnittenen Weinflaschen, die als Gläser dienen. Es gibt mehrere Räume mit urigen Holzboden. Für 100 Pesos kann man zur Milonga und entweder den Tänzern zusehen oder selbst tanzen. Für 130 Pesos bekommt man diesen Eintritt inklusive eines 90minütigen Schnupperkurses - absolut empfehlenswert und in meinen Augen authentischer als sich eine überteuerte Tangoshow anzuschauen, die heutzutage von vielen Agenturen und Restaurants angeboten wird.
Bis in die Nacht kann man nicht nur an seinen Tangoskills feilen, sondern auch Pizza, Pasta oder Sandwhiches essen - ausschließlich vegetarisch.
Sarmiento 4006, Barrio Almagro, Buenos Aires