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Neujahr und die Sache mit den Empanadas

Silvester verbringe ich dieses Jahr mit der Reisegruppe und meiner Mutter im Hostel La Brújula in La Paloma. Das Hostel ist zum großen Teil selbst gebaut, alle Dinge sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Es gibt mehrere kleine Hütten, in denen die Zimmer untergebracht sind, eine Open Air Küche mit großer Grillstelle, Hängematten und sogar ein Kino. Es ist wahre Improvisationskunst - von den ausrangierten Bidets, die zum Kräuterbeet umfunktioniert sind bis zu Plastikflaschen, die bemalt und abgeschnitten als Lampenschirme dienen. 
An Silvester wird hier traditionell ein großes Asado gemacht. Freunde, Nachbarn und Gäste feiern hier alle zusammen ins neue Jahr. Den Tag über verbringen wir in Cabo Polonio und ich bin froh, dass ich ohne Sonnenbrand zurück ins Hostel komme. Schon am frühen Abend habe ich ein etwas ungutes Gefühl im Bauch, das Glas Wein will irgendwie auch nicht so richtig schmecken. Wir essen spät, weil das hier in Uruguay normal ist. Gemäß einem uruguayanischen Ritual zu Neujahr schreibt jeder von uns drei Dinge auf einen Zettel, die im vergangenen Jahr nicht gut gelaufen sind. Diese werden in einer Plastikflasche gesammelt. Nach dem Essen erscheint eine Hexe, die mit etwas Tohuwabohu diese Flasche in die Glut des Grills wirft. Nicht sehr ökologisch, aber immerhin passiert das nur einmal im Jahr. Wenn die Flasche explodiert, verschwinden alle schlechten Dinge, die auf den Zetteln stehen. Wenn die Flasche nicht explodiert, nimmt man diese mit ins nächste Jahr. Also stehen wir alle ehrfurchtsvoll ums Feuer und warten auf die Explosion. Aber es passiert nichts. Die Flasche schmilzt. Und wird kleiner. Und kleiner. Ich bin enttäuscht und ärgere mich, dass ich ausgerechnet die drei schlechtesten Dinge aufgeschrieben habe. Plötzlich gibt es einen Knall und einen Lichtblitz. Die Flasche ist explodiert. Und mit ihr alle schlechten Dinge. Ich atme auf. Da habe ich ja nochmal Glück gehabt. Das gleiche machen wir dann mit drei Dingen, die sich jeder von uns für das kommende Jahr wünscht. Diese werden alle in einer Glasflasche gesammelt und dann um Mitternacht aufs Meer geschickt. Leider kann ich nun nicht verraten, welche Dinge ich verabschiedet und mir gewünscht habe. Das wäre gegen die Regeln und bringt sicherlich Unglück.
Kurz vor Mitternacht gehen wir dann zum Strand. Nach brasilianischem Ritual springe ich über sieben Wellen (nacheinander versteht sich). Die Uruguayos sind sogar so kühn und gehen schwimmen, um all die schlechten Dinge des letzten Jahres von sich zu waschen und gereinigt ins nächste Jahr zu starten. Also stehe ich nach dem Gehüpfe mit nassen Beinen, Sand unter den Füßen und einigen Neujahrsküsschen unter dem klaren Sternenhimmel und sage 2019 leise Hallo.
Danach gehe ich ins Bett, denn ich fühle mich schlapp. Es dauert etwas bis ich einschlafe, denn draußen wird hart gefeiert. Gegen halb drei wache ich auf. Mir ist schlecht. Ziemlich sogar. Ich krabble vom Stockbett und laufe im Pyjama durch die feiernde Meute zur Toilette. So viel steht fest: auf einer Reise wird einem irgendwann ziemlich alles egal. Die meisten sind sowieso betrunken, sodass es vermutlich nicht aufgefallen wäre, wenn ich nackt gegangen wäre. Vor der Toilette treffe ich unsere Reiseführerin Luma, die mich anschaut und fragt, ob ich nicht vor ein paar Stunden ins Bett gegangen bin. Ich nicke und sage ihr, dass mir nicht gut ist. Sie schaut nicht besonders überrascht, denn ich bin schon die zweite, die sich nicht wohl fühlt. Auch Becca klagt über Übelkeit. Ich kenne meinen Magen und weiß: wenn er mich nachts weckt, dann muss es raus. Also verbringe ich die halbe Nacht auf der Toilette, die - das kann sich jeder vorstellen - auf Partys mit zunehmender Stunde nicht schöner wird. Zwischen den Pausen krame ich, zurück im Zimmer, Medikamente aus meiner Tasche und trinke etwas Wasser. Doch leider kann ich weder das eine noch das andere besonders lange bei mir behalten. Ich treffe Caroll, die mir bestätigt, dass es wohl an den vegetarischen Empanadas aus der Lunchbox lag. Ihr haben sie nicht geschmeckt, deswegen habe sie diese liegen lassen. Das Problem ist nur, dass alle anderen nur ein vegetarisches Empanada gegessen haben, die anderen beiden waren mit Fleisch gefüllt. Ich hatte aber drei vegetarische Empanadas in meiner Box und wegen Foodwaste und so habe ich die natürlich auch alle verputzt. In dieser Nacht schaffe ich es zumindest ein paar Stunden zu schlafen. Gegen frühen Morgen geht es aber weiter mit dem Besuch der Toilette. Mittlerweile ist nichts mehr aus mir rauszuholen. Ich bin schwach und kann nicht mehr. Alle machen sich langsam Sorgen, da ich langsam dehydriere. Also spricht meine Mutter, die sich im Übrigen auch nicht richtig fit fühlt, ein Machtwort und wir gehen ins Krankenhaus. Bevor irgendwas passiert, muss die Kreditkarte mit knapp hundert Euro belastet werden - aber wozu hat man eine Auslandskrankenversicherung? Ich sitze nur da, in meinem Pyjama, mit meinem kleinen weißen Eimer auf dem Schoß und einem nassen, kühlenden Waschlappen auf der Stirn (Danke Mama!). Eine Infusion muss her, dann noch mal eine Tablette unter die Zunge, da ich immer noch am kübeln bin. Dann wird es langsam besser. Zurück Hostel schlafe ich endlos lange und trinke erst am Abend ein paar Schluck Wasser und so ein fieses, orange farbiges Getränk mit Elektrolyten. 
Ich liege im Bett und frage mich, warum ich die letzen Jahre immer schlechte Erfahrungen mit Silvester gemacht habe. Vor zwei Jahren bin ich auf der Toilette einer Party kollabiert, letztes Jahr war ich ziemlich betrunken und musste ebenfalls auf Toilette nächtigen und dieses Jahr die Sache mit den Empanandas. Ich hatte ja damit gerechnet, dass es mich hier irgendwann erwischen wird mit der Lebensmittelvergiftung. Spätestens in Bolivien. Aber doch bitte nicht an Silvester! Nächstes Jahr verbringe ich direkt auf Toilette. Dann suche ich mir aber eine schöne aus. Oder zumindest meine eigene. Frohes neues Jahr, ihr Lieben! In meinem Fall kann es nur besser werden, als es begonnen hat ;)