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Arraial do Cabo & das Pacific Favela House

Viele nennen die Region im Norden der Provinz Rio de Janeiro auch die Karibik Brasiliens: weißer Sandtsrand, türkisblaues Wasser und Palmen. Nach ein paar Tagen Großstadtleben in Rio, ist es Zeit, mal wieder die Seele baumeln zu lassen. Und wo kann man das besser als an so einem Ort?


Da meine Mutter am Nachmittag in den Flieger nach Hause steigt, mache ich mich am Mittag auf zum Busterminal Novo Rio. Ich bin traurig, als ich aus dem Uber, das wir uns teilen, aussteigen. Das war wirklich ein abenteuerliche Reise für sie, mit viel Hitze, Krankenheiten, Treppenstufen und Programmpunkten. Doch wenn man davon absieht, war es vor allem eins: ein wunderbares Erlebnis, das wir gemeinsam teilen. Aber so ist es beim Reisen: jeden Ort, den du besuchst und jeden Menschen, den du triffst, musst du irgendwann verabschieden. Man könnte denken, das man sich irgendwann an das Abschied nehmen gewöhnt, aber so ist es nicht. Als kleines Abschiedsritual von besonders beeindruckenden Orten oder lieb gewonnen Menschen höre ich meist im Bus (oder im Flieger oder was auch immer) meine Lieblingsplaylist. So auch dieses Mal.
Nach rund 3 Stunden komme ich in Arraial do Cabo an. Hier leben nur etwa 30.000 Menschen - ein Staubkorn verglichen mit Rio de Janeiro. Aus irgendeinem Grund habe ich mir in den Kopf gesetzt, einmal in Brasilien auf einer Couch zu schlafen, um noch tiefer in die Kultur einzutauchen. Also komme ich bei Yamill, einem Kunsthandwerker, unter. Wie ich erfahre stammt er eigentlich auch Mexiko. Er warnt mich vor, dass er derzeit in einer sehr einfachen, improvisierten Unterkunft lebt. Nämlich in einem einem Pacific Favela House. Es sei recht einfach, gebe wenig Platz und das Haus sei "in process of construction". Aber man könne es überhaupt nicht mit einer Favela in Rio vergleichen, da es überhaupt nicht gefährlich ist und es keine Drogen und keine Kriminalität gibt. Das ist ja für mich das wichtigste. Und da die Favela Tour in Rio schon nicht möglich war aufgrund der aktuellen Situation, sage ich zu. Ich bin neugierig.
Ich treffe Yamill am Abend am Treffpunkt am Strand. Dort trinken wir ein Bier und dann laufen wir zu seiner Wohnung. Dabei ist Wohnung ehrlich gesagt übertrieben. Es ist das obere Stockwerk eines Hauses, dass er mit anderen Bewohnern teilt. Schon als er die Tür aufmacht und wir die Treppe hinauf gehen, ahne ich es: "process of construction" trifft es dann doch ganz gut. Das Haus ist quasi im Rohbau. Es gibt Strom, aber keine eingesetzte Fenster. Auf dem Boden ist kein Belag, wir laufen auf Estrich. Überall stehen Geräte wie Betonmischer und Leitern herum. In der improvisierten Küche und im Flur ist ein Berg Bausand, Schubkarren und Eimer. Im Zimmer selbst stehen zwei Betten, alles ist mit Betonsteinen gebaut und zwischen Zimmer und Bad hängt nur ein dünner Vorhang. Ich weiß noch nicht, wie ich da auf Klo gehen kann, aber das wird schon. Wow. Ein ziemlich großer Kontrast zum hübschen Design-Appartement in Rio Botafogo, das ich heute morgen verlassen habe. Ich merke, dass ich die einzige Frau bin. Hier in dem Stockwerk wohnen noch geschätzt sechs weitere junge Männer (ich hoffe, dass meine Mutter das nicht liest). Alle arbeiten sie am Strand als Verkäufer. Aber interessanterweise fühle ich mich nicht unwohl. Ich habe ja schon einiges erlebt mit Couchsurfing und weiß, dass es mehr an den Menschen liegt wie man eine Unterkunft findet, als an der Unterkunft selbst. Ich verbuche es auf alle Fälle unter "interessante Erfahrung" - das weiß ich jetzt schon. Yamill ist so nett und überlässt mir sein Bett, er selbst schläft auf einer Matratze auf dem Boden. Selbst in den Favelas sind die Typen noch Gentlemen. Also kochen wir was zusammen, essen aus leeren Plastikbehältern Pasta und gehen früh ins Bett. Die beiden müssen morgen früh aufstehen, da sie zeitig am Strand sein wollen, um ihren Schmuck zu verkaufen. Den ganzen Tag in der prallen Sonne, am Strand entlang laufen und Dinge zu verkaufen - ein Knochenjob! Und als ich im Bett liege, wird mir mal wieder bewusst, was für ein Privileg ich habe. Und ein bißchen vermisse ich meine Eimsbüttler Wohnung. Aber das ist okay.


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Das Ticket für den Bus 1001 habe ich übrigens über die Internetseite clickbus.com gekauft, mit Paypal bezahlt und dann im Terminal am clikckbus Schalter abgeholt - super easy!