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Intuition und Einsamkeit

Am nächsten Tag geht es früh los für mich. Der Cruzeiro do Sul Bus von Bonito zur brasilianischen Grenzstadt Corumbá fährt um 5 Uhr morgens los. Die Fahrt dauert etwa sechs Stunden und kostet rund 100 Real. Glücklicherweise liegt das Papaya Hostel nur zwei Blocks vom Busbahnhof entfernt. Ich kann am Abend zuvor lange nicht einschlafen, weil ich meine Reise nach Bolivien bis auf den ersten Bus nach Corumbá nicht wirklich planen konnte. Ich finde heraus, dass man vom Busbahnhof in Corumbá ein Taxi oder Collectivo zum Grenzübergang nehmen und dann jeweils die brasilianische und bolivianische Grenze passieren muss, wobei beide Schalter unterschiedliche Öffnungszeiten haben. Sobald man passiert hat, nimmt man erneut ein Taxi oder Collectivo, um zum Bahnhof im bolivianischen Puerto Quijarro zu gelangen. Dort gibt es dann einen Zug nach Santa Cruz, der sonntags um 13.00 Uhr fährt. Zwei Blocks weiter ist der Busbahnhof, von wo täglich um 18.00 Uhr ein Bus in der Hälfte der Zeit nach Santa Cruz fährt und nachts um 2.00 ankommt. Ausgehend davon, dass mein Bus im brasilianischen Corumbá zwischen 11.00 und 11.30 ankommt, ist das sehr knapp bemessen um den bolivianischen Zug um 13.00 Uhr zu bekommen. Denn es ist ungewiss wie lange man an den beiden Grenzübergängen warten muss, um passieren zu können. Darüberhinaus finde ich auf der Internetseite von Ticketsbolivia für diesen Tag keine verfügbaren Tickets mehr - weder für den Zug am Mittag noch für den Bus am Abend. Im Reiseführer steht, dass die bolivianische Grenzstadt nahezu keine Unterkünfte zu bieten hat und man lieber in Corumbá übernachten soll. Ich bin hin und hergerissen zwischen Abenteuer und Nummer sicher. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich spontan noch ein Ticket für den Zug oder den Bus bekomme? Was tue ich, wenn ich in der bolivianischen Pampa irgendwo alleine strande? Wie gemütlich ist wohl eine Nacht an einem verlassenen Busbahnhof am Ende von Bolivien? Ich checke spontan die Tickets für den darauf folgenden Tag und sehe, dass beide Transportmöglichkeiten verfügbar sind. Also überlege ich nicht lange und folge meiner Intuition. Ich buche das Busticket für 18.00 Uhr am Folgetag und ein günstiges Hostel für eine Nacht in Corumbá. Ich werde dadurch einen Tag später in Bolivien ankommen. Aber irgendetwas sagt mir, dass das die bessere und vermutlich stressfreiere Lösung ist.
Gegen 11.30 Uhr erreichen wir Corumbá. Es ist eine recht gesichtslose Stadt am Rand des Pantanal, die etwas vermüllt ist und in der zudem sonntags alle Museen geschlossen sind. Also beziehe ich meine sehr einfache Unterkunft, kaufe noch schnell auf dem Markt frisches Obst und Gemüse ein und lege mich etwas hin. Ich habe meine Regel bekommen und daher etwas Bauchschmerzen. Um ehrlich zu sein, bin ich froh, dass ich unter diesen Umständen heute kein Abenteuer mache. Danke Intuition! Am Nachmittag spaziere ich zum Hafen, an dem ein kleines Samba-Event zur Vorbereitung auf den bevorstehenden Karneval stattfindet. Ich bin die einzige blonde Frau, meine gebräunte Hautfarbe fällt im südamerikanischen Vergleich noch immer als weiß aus, einzig allein meine Größe hilft mir, etwas unsichtbarer zu werden. Ich stehe am Rand und beobachte die feiernden, tanzenden Menschen und Kinder. Und ich spüre, dass ich mich das erste Mal seit langem wirklich einsam fühle. Vielleicht, weil ich mich hier in Corumbá nicht richtig wohl fühle. Weil ich sowohl im Sechsbettzimmer der eher miesen Unterkunft als auch hier am Hafen sitzend alleine bin. Weil ich auffalle durch mein Äußeres und gleichzeitig bis auf ein paar neugierige Kinderaugen ignoriert werde. Es ist merkwürdiges Gefühl. 
Eigentlich bin ich selbstbewusst und habe kein Problem damit anders auszusehen oder aufzufallen. Und ich habe auch kein Problem damit, alleine unterwegs zu sein. Im Gegenteil, ich genieße es sogar meist. Ich denke, dass es insbesondere an der Situation liegt, in der ich mich jetzt eigentlich gerne mit anderen austauschen würde zum komplizierten Timing beim Grenzübergang, zu Bolivien an sich und zur weiteren Reise. Solche Momente gehören dazu. Sie gehen vorbei. Also schlendere ich beim aufkommenden Regen zurück zur Unterkunft, koche eine Kleinigkeit, plane trotz mieser Wifi Verbindung grob die nächsten Tage in Santa Cruz und ziehe mir ein paar Serien auf Netflix rein. Morgen ist ein neuer Tag!