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Potosí & the job from hell

Auf nicht weniger als 4.070 Metern liegt die Stadt des Silbers. Mit der Entdeckung des Edelmetalls im Cerro Rico wurde Potosí 1545 gegründet, um viele Jahr die spanische Kolonialmacht mit Silber zu versorgen. Zu Boomzeiten war sie die größte und reichste Stadt Amerikas. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte immer weniger Silber aus der Mine gewonnen werden und die Stadt verlor an Bedeutung. Schnell wurde damals aus der 200.000 Einwohner zählenden Metropole ein Ort mit 10.000 Menschen. Nur langsam konnte sich die Stadt von diesem Schock erholen. Heutzutage werden aus der Mine vor allem Zink und Blei gewonnen. Nahezu alle Arbeiten in der Mine werden dabei von Kooperativen organisiert und verwaltet. Insgesamt arbeiten in den 5.000 Minengängen rund 18.000 Arbeiter.
Diese Kooperativen organisieren auch Minentouren für Touristen. Ich hatte keine Vorstellung davon, was mich genau erwartet, habe aber von anderen Reisenden die Empfehlung bekommen, solch eine Tour zu machen. Also geht es morgens um 8.45 Uhr mit dem Anbieter Koala Tours los (Büro direkt gegenüber des Casa de La Moneda). Ich habe mich dort per Email vorher angemeldet, um mir einen Platz zu sichern, da die Gruppen recht klein sind und die Teilnehmerzahl begrenzt ist. Zum ersten Mal seit langem scheint an diesem Tag wieder die Sonne. Eigentlich fast zu schade, um den halben Tag im Dunkeln zu verbringen. Aber gebucht, ist gebucht! Mit einem Minibus geht es zunächst zu einem Deposit, wo man minengerechte Kleidung bekommt sowie Helm, Leuchte und Gummistiefel. Ich versinke in der Kleidung und die Schuhe sind auch zu groß. Aber was soll's. Ist ja sowieso dunkel in so einer Mine. Auf dem Weg zur Mine kaufen wir noch Geschenke für die Arbeiter. Das wird von unserem Guide Oscar empfohlen, da die Arbeit in der Mine sehr hart ist und die miñeros kleine Geschenke seitens der Besucher schätzen. Man kann Dynamit (kein Scherz, ist hier in Potosí legalisiert), Wasser oder zuckerhaltige Erfrischungsgetränke erwerben. "Agua es tesoro", "Wasser ist ein Schatz" sagt Oscar und so entscheide ich mich für jeweils eine große Falsche der beiden Getränke. Für mich kaufe ich noch eine kleine Flasche Wasser, denn ohne darf man nicht in die Mine.
Schon beim Eingang zur Mine ist mir etwas mulmig zu Mute. Die Landschaft hier ist sehr karg und steinig. Kein Baum, kein Grün weit und breit. Es ist schlammig, da es den Tag zuvor viel geregnet hat. Ich sehe schon die ersten Männer, die Metallwägen mit Steinen aus der Mine ziehen. Sie keuchen, stöhnen und schwitzen. Ein leerer Metallwagen wiegt bis zu 500 Kilo. Gefüllt mit Steinen kann das Gewicht dann bis auf zwei Tonnen kommen. Wir bekommen eine kurze Einweisung, dann wird das Licht am Helm angeknipst und wir gehen ein paar Schritte bis wir im Dunkel der Mine versinken. Es ist feucht, die Gänge sind eng, die Luft ist schlecht. Glücklicherweise hat einer der Franzosen im Shop Mundschutz für alle gekauft. Bei dem feinen Staub in der Mine bin ich nun sehr dankbar, dass ich ihn habe. Alternativ kann man auch ein Bandana verwenden, wenn man dies im Gepäck hat. Immer wieder müssen wir geduckt hinter den Arbeitern her rennen, uns dann plötzlich an die Seite drücken, um die schwitzenden Männer mit den Wägen an uns vorbei zu lassen. Zu dritt schieben und ziehen die Männer die Wägen durch die engen Gänge der Mine. Durch die Anstrengung macht sich die dünne Luft in meinen Lungen bemerkbar. Ich muss mir gut zureden, um nicht in Panik zu geraten. Wie Oscar vorher sagte: "Die größte Gefahr ist deine eigene Angst. Lass die Angst nicht die Macht über dich gewinnen." Ich atme ruhig weiter, trinke Wasser und versuche an etwas Schönes zu denken. Es funktioniert. Die Panik verfliegt. 
In der Mine herrscht eine ausgesprochen gute Stimmung unter den Arbeitern. "Schlechte Gedanken und Sorgen müssen draußen bleiben" erklärt uns Oscar. "Wenn du nämlich mit dem Kopf woanders bist, dann riskierst du das Leben von dir und deinen Kollegen". Also haben alle ein kleines Lächeln auf den Lippen. Wenn der Wagen entgleist, wird Ruhe bewahrt und alle packen mit an. Es ist ein entspanntes Miteinander hier in der Mine. Und ein bißchen Aberglaube ist auch dabei. Denn man huldigt an einem kleinen Minialtar in einer Bucht Pachamama, Mutter Erde, und bittet sie um Schutz während der Arbeit an diesem menschenunwürdigen Ort.
In den folgenden zwei Stunden klettern wir durch sehr enge Gänge - Klaustrophobie sollte man hier definitiv nicht haben. Teilweise macht das Geröll unter unseren Schuhen die steilen Wege rutschig. Auf schmalen Holzbalken balancieren wir über tiefe Schluchten. Wir sehen wir die miñeros die Steinbrocken aus dem Felsen hauen: mit schwerem Gerät, mit Dynamit oder wie zu Kolonialzeiten manuell mit Metallstab und Hammer. 30 Bolivianos bekommt ein ungelernter Arbeiter hier. Das sind umgerechnet etwa 3.80€. Mit Erfahrung kann man es bis zu 150 Bolivianos am Tag bringen. In den Kooperativen arbeiten fast nur Männer. Es gibt drei Frauen, die hier arbeiten und ich frage mich, wie sie das überleben und warum sie dieses Job wählen. Besonders erschreckend finde ich, dass hier Kinderarbeit legalisiert ist. Ab 10 Jahren darf ein Kind offiziell hier in der Mine arbeiten. Den jüngsten Arbeiter, den ich auf der Tour kennenlerne, ist 17. Er arbeitet schon seit zwei Jahren. Ich bin schockiert von diesen Arbeitsbedingungen. Wie glücklich können wir Europäer uns schätzen mit der Arbeit, die wir haben. Ich nehme mir vor, dass ich mich weniger über Überstunden, Arbeitsatmosphäre und Gehalt beschweren werde, wenn ich wieder zurück im deutschen Arbeitsleben bin. Wie gut wir es doch haben.
Gegen 13.00 Uhr beenden wir unsere Tour. Ich atme erleichtert auf, als ich wieder ans Tageslicht komme. Auch wenn nicht besonders schön, gehört die Besichtigung doch zu den Highlights meines bisherigen Bolivienaufenthalts. Die 130 Bolivianos sind also auf jeden Fall ihr Geld wert.


Casa de La Moneda
Am Nachmittag besuche ich dann noch dieses Museum im Zentrum von Potosí. Früher wurden hier Geldmünzen hergestellt. Die antiken Maschinen dazu sind heute zu besichtigen. Darüberhinaus sind viele verschiedene Silbermünzen ausgestellt. Das Museum ist nur im Rahmen einer geführten 90-minütigen Tour (40 Bolivianos) zu besuchen. Leider häufig auf spanisch und in meinem Fall von einem sehr unmotivierten Mitarbeiter durchgeführt. Schade. Hätte interessant sein können. 


Hostel Casa Blanca
Sehr zentral gelegenes, nettes Hostel. Bäder sind etwas überholungsbedürftig.
Calle Tarija 35