· 

La Paz

Laut, chaotisch, schmuddelig. Stadtplanerisch ein totales Desaster. Der Verkehr ist gnadenlos, Fußgänger sind gleichzusetzen mit Hunden und werden demnach gerne missachtet. Überall auf dem Gehweg sitzen Schuhputzer und Bettler. Und dazwischen die hochmodernen Seilbahnen, die mich eher an Skiurlaub in der Schweiz erinnern als an eine südamerikanische Millionenmetropole. Eine verrückte Stadt! Ich muss gestehen, dass ich in den wenigen Tagen La Paz nicht wirklich viel abgewinnen konnte. Um solch eine Metropole und den Vibe einmal zu erleben, lohnt sich ein Besuch aber allemal.


Mercado 16 de Julio in El Alto
Hoch oben liegt die eigenständige Stadt El Alto mit fließendem Übergang zu La Paz. Täglich findet hier ein riesengroßer Markt statt. Es gibt alles, sogar lebende Tiere werden aus kleinen Kartons heraus verkauft. Ab dem Zentrum kann man für 3 Bolivianos ein Micro bis El Alto nehmen. Alternativ kann man auch mit der Seilbahn fahren. Beim Besuch des Marktes habe ich das erste mal die Höhe intensiv gespürt - trotz einer Portion Coca Blätter in meiner Backe. Ich war erschöpft (vielleicht auch vom Nachtbus) und mir war leicht übel. So habe ich dort nicht sehr viel Zeit verbracht, sondern bin nach zwei Stunden mit der Seilbahn wieder runter nach La Paz gefahren. Bis ich im Hostel war, habe ich dann noch weitere 90 Minuten gebraucht, da ich mich im Chaos der Stadt tatsächlich verlaufen habe. Was soll's.


Valle de La Luna
Etwa 10 Kilometer südöstlich von La Paz liegt das "Mondtal". In der Calle Mexico steigt man in einen Minibus mit dem Ziel Mallasa. Schon die Fahrt entlang des Canyons Río Choqueyapu ist die Fahrt wert. Der Bus hält quasi direkt vorm Eingang. Für 15 Bolivianos Eintritt kann man durch die interessante, vom Regen und der Erosion zerfurchte Steinformation spazieren. Die Wege sind gut markiert und in gutem Zustand. In einer Stunde hat man hier alles gesehen und die Aussicht auf die Berge und auf die hinter einem liegende Stadt genossen. Nicht ganz unbegründet beschreibt der Reiseführer das Valle de La Luna als "slightly overhyped". Aber meiner Meinung ist es dennoch einen Besuch wert.


Muela del Diablo
Der Berg vulkanischen Ursprungs in Form eines Backenzahn erhebt sich zwischen den Ausläufern der Stadtteils Pedregal und dem Río Choqueyapu. Ich habe die Wanderung mit dem Besuch des Valle de La Luna kombiniert. Von dort einfach einen Minibus zum Plaza Humboldt nehmen und dort in einen Minibus mit dem Ziel "Pedregal" steigen. Die Wanderung startet ab dem Friedhof in Pedregal und führt vorerst den Berg steil hinauf. Dabei kreuzt er mehrfach die staubige Straße. Ich gebe zu, anfangs ist das Gefühl, alleine in einem Vorort von La Paz die Anhöhe hinauf zu wandern, etwas merkwürdig. Nicht zuletzt, weil im Reiseführer zum Einen steht, dass je höher die Siedlung liegt, desto ärmer sind die Menschen, die dort leben. Und zum Anderen steht ausdrücklich geschrieben, dass man nicht alleine wandern soll - insbesondere als Frau. Aber was soll ich tun, wenn meine Wanderbegleitung die Nacht mit einer Magenverstimmung im Badezimmer verbracht hat? Die Wanderung sein lassen? Besser: Meine Intuition fragen. Und die sagte, mach es! Auf dem Weg treffe ich nur wenige Menschen. Weit und breit keine "gringos", wie die Touristen hier genannt werden. Netterweise werde ich sogar von einem Autofahrer gefragt, ob er mich mit nach oben nehmen soll. Ich lehne dankend ab. Der Weg ist das Ziel. Also ächze ich mich schnaufend bei der Höhe den Weg hoch. Nach einer Stunde kommt man zu einer kleiner Siedlung, die auf einem Plateau liegt. Von hier sieht man den "Backenzahn des Teufels" in seiner vollen Pracht. Die Umgebung ist sehr schön, wenn auch man ab und an über ein Müll etwas hinwegsehen muss. Ich spaziere durch das Dorf, vorbei an einer Schule, einigen Schafen und Eseln. Dann geht der Weg erneut bergauf und man kann rechts am Backenzahn vorbei laufen. Ich pausiere kurz und werde dabei von zwei deutschen Wanderern überholt. Sie lassen ein kleines Geschenk da: ein Hund mit schwarzem Fell leistet mir für den weiteren Weg Gesellschaft. Ich spaziere etwa 20 Minuten weiter, ein leichter Regen setzt ein. Plötzlich hört der Weg einfach auf. Auch Maps.me weiß nicht mehr weiter. Also biege ich links ab und wandere querfeldein den Berg hinauf. Denn da oben ist ein Weg markiert, der um den Backenzahn herum und dann wieder zum Dorf führt. Es ist abenteuerlich, denn der Untergrund ist ähnlich wie im Valle de la Luna aus sandigem Untergrund, der vom Regen zerfurcht und unterhöhlt ist. Dazwischen gibt es immer wieder Büsche und lose Steine. Ich bin unsicher, ob ich meinen Weg weiter fortsetzen soll. Was passiert, wenn ich in ein solches erdiges Loch stürze und nicht mehr raus komme? Wird mich der Hund retten? Dieser ist schon einige Meter weiter oben, wartet immer wieder, schaut sich um, kommt zurück, als wolle er mich antreiben, weiter zu gehen. Plötzlich sehe ich da oben mitten im Berg eine Kuh stehen. Und daneben einen Mann mit Hut sitzen. Ein Schäfer. Er kaut an einem Grashalm und schaut emotionslos in meine Richtung. Wie gerne würde ich wissen, was er sich jetzt denkt. Zwischen all dem Grün bin ich mit meiner roten Regenjacke etwa so unauffällig wie eine Leuchtboje. Er hat mich vermutlich schon vor einer halben Stunde gesehen, als ich unsicher umhergeblickt habe und mit meinem Handy die richtige Richtung gesucht habe. Ohne eine Miene zu verziehen, zeigt er nach links und murmelt "camino", Weg. Ich frage noch mal nach, er nickt, dann stapfe ich keuchend weiter. Kurze Zeit später komme ich dann tatsächlich am Fuße des Backenzahns an. Es gibt eine kleine Feuerstelle und eine kleine Hütte zum Unterstehen. Mein trockenes Brot teile ich mütterlich mit dem Hund, der mir so eine gute Begleitung war. Ich schaue hinauf zum Backenzahn. Man sollte nur dort hoch klettern, wenn man gute Ausrüstung hat und nicht alleine ist. Da ich erschöpft bin und die Luft recht dünn ist, gehe ich das Risiko nicht ein. Also genieße ich den tollen Ausblick von hier oben und die Ruhe. Und siehe da, von der anderen Seite des Backenzahns kommen die beiden Deutschen gewandert und klettern den Zahn hinauf. Der Ausblick von dort oben muss schon irre sein. Und es ist wirklich nicht weit. Aber man muss manchmal ganz genau in sich rein hören. Dann weiß man, wo seine Grenzen sind und was für einen gut ist. Also breche ich nach einer kurzen Pause auf und nehme den Weg hinunter zur Siedlung und dann ins Tal zurück zum Friedhof. Auf dem Weg nach unten verlässt mich mein treuer Gefährte. Danke für die nette Begleitung. Manchmal ist es gut, zu wissen, dass man doch nicht ganz alleine ist. Nach insgesamt 4 Stunden steige ich in einen Minibus Richtung "Prado", um ins Zentrum von La Paz zu kommen (dauert etwa eine Stunde).
Der Ausflug zum Muela del Diablo ist ideal für ein Halbtageswanderung und kostet zudem lediglich Transportkosten (etwa 6 Bolivianos für Hin- und Rückfahrt). Ausreichend Wasser und Verpflegung mitnehmen, da es auf der Strecke nichts gibt.