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Ccaccaccollo

Mitten im Sacred Valley liegt das kleine Dorf Ccaccaccollo. Mit seinen etwa 200 Einwohnern lebt die Bevölkerung vor allem von der Landwirtschaft, die hier noch manuell mit Harke und Schweiß betrieben wird. Landwirtschaft ist Männerarbeit. Ein Großteil des Ertrages wird für den Eigenbedarf verwendet. Eine ebenso wichtige Einnahmequelle ist das textile Kunsthandwerk, das ausschließlich von den Frauen des Dorfes ausgeführt wird. G Adventure hat seit etwa 15 Jahren eine Kooperation mit dem Dorf, um das traditionelle Kunsthandwerk zu bewahren und den Frauen eine Einnahmequelle und einen Zuverdienst zum Monatsbudget der Familie zu ermöglichen. So bringt G Adventure regelmäßig Reisende in das Dorf, um die Werkstätten der Frauen zu besichtigen, mehr über das Handwerk zu erfahren und natürlich Ware zu kaufen. Manche Besucher bleiben auch über Nacht bei einer der Familien im Dorf. So auch ich.


Am späten Mittag erreichen wir mit dem Bus Ccaccaccollo und werden auf dem Dorfplatz von unseren Gastgebern mit Blumen begrüßt. Meine Gastgeberin heißt Theodora und nimmt mich und meine Zimmergenossin mit zu sich nach Hause. Das Zimmer ist hübsch, das Bett mit einer bunten selbst gestrickten Decke überzogen. Zum Mittagessen gibt es Quinoasuppe, danach Reis mit einer Art Kartoffelgemüse. Low Carb Ambitionen sind hier definitiv Fehl am Platz. Dazu wird ein Tee aus Kräutern aus dem eigenen Garten gerricht. Theodora isst mit uns im Esszimmer, der Rest der Familie isst wohl in der Küche nebenan. Ich bin froh, dass ich etwas spanisch spreche, denn so kann ich mich mit Theodora unterhalten. Sie ist 62 Jahre, hier in Ccaccaccollo geboren und hat das Dorf nie für lange Zeit verlassen. Als sie klein war, standen hier nur etwa fünf Häuser. Heute sind es etwa fünfzig. Seit 15 Jahren gibt es Strom. Unvorstellbar für uns, für die fließendes Wasser, warme Duschen und Steckdosen zur Normalität gehören. Theodora hat drei Kinder und fünf Enkel. Ihre Tochter Nancy und ihre fünfjährige Enkelin Kusi leben mit ihr im Haus in Ccaccaccollo. Kusi wächst zweisprachig auf, denn hier auf dem Dorf lernt man neben Spanisch auch Quechua. Sie zeigt uns den Garten, in welchem der Mais auf unseren Tellern wächst und verrät uns, dass sie Blumen über alles liebt. Kusi isst lieber mit uns beiden und ihrer Oma, also haben wir für die nächsten Mahlzeiten etwas Gesellschaft von dieser kleinen charmanten Dame, die den Aufenthalt bei der Familie erst authentisch und einzigartig macht.


Am Nachmittag überrascht uns Theodora mit traditioneller Kleidung, die wir anziehen. Der schwere Tellerrock, Pollera genannt, ist aus dickem Stoff und der Saum ist bunt bestickt. Dazu reicht sie uns eine bunte Weste und einen Hut. Auf dem Dorfplatz treffen wir uns mit dem Rest der Gruppe, die ebenso gekleidet ist. Wir gehen zu einem Acker am Hang und erfahren mehr über die Arbeit in Landwirtschaft und die damit verbundenen Rituale für Patchamama, um eine gute Ernte zu erbitten. Am Abend spazieren wir noch ein wenig durchs Dorf. Wir treffen ein neugieriges Babyalpaka, das so irrsinnig weich ist, dass ich es am liebsten mitnehmen würde. Wir passieren einen Mann am Straßenrand, der Zuckerrohr erntet. Er hält in seiner Arbeit inne und grüßt uns. Kurze Zeit später kaut jede von uns an einem Zuckerrohr und schlotzt die Süße aus dem Stengel. Esel rennen den Berg hinunter und an uns vorbei. Kinder, die aus den Häusern schauen, winken uns zu und grüßen uns neugierig. Ich finde es tatsächlich auffällig, wie wohlgesinnt uns alle Bewohner des Dorfes sind. Aber es wirkt nicht aufgesetzt, sondern herzlich und warm. Nach dem Abendessen gehen wir früh schlafen. Es ist kalt, Heizungen gibt es nicht. Die fünf Filzdecken aus Schafwolle sind so schwer, dass man sich darunter fast nicht umdrehen kann. Aber sie erfüllen ihren Zweck. Hier, weit weg vom Lärm der Stadt und der Straße, schläft man unfassbar gut. Erkenntnis des Tages: weniger Stadt ist besserer Schlaf.


Am folgenden Morgen besuchen wir die Kooperative der Frauen, die das textile Handwerk ausüben. Es gibt Wolle von Schaf, Llama, Alpaka und Vicuña. Die Frauen reinigen die Wolle mit einer natürlichen Substanz, die sie aus einer Wurzel gewinnen. Danach spinnen sie die Wolle manuell, meist über mehrere Tage bis sie ein Knäuel haben. Gefärbt wird ausschließlich mit Pflanzenfarbstoffen, von rot bis lila, über gelb bis grün kann fast jede Farbe erzielt werden. Danach wird die Wolle verarbeitet. Es wird gestrickt, gewebt und genäht. Es gibt Socken, Schals, Ponchos, Taschen, Beutel, Müten, Handschuhen und vieles mehr. Jedes Teil ist mit dem Namen der Erschafferin versehen - ein sehr schönes Detail wie ich finde. Jede der Frauen, die in der Kooperative arbeitet, kann jeden Job hier machen. Der Ertrag durch den Verkauf der Ware wird unter den Frauen geteilt. Das Wissen wird von Generation zu Generation weiter gegeben. Die Musterungen in den Webereien erzählen vom alltäglichen Leben der Frauen, vom indigenen Glauben und der Gemeinschaft, in der sie leben. Als Textilerin bin ich fasziniert von den Motiven, den Farben und Materialien. Es fällt mir schwer, nichts zu kaufen, auch wenn mich ein toller großer Schal aus Babyalpakawolle begeistert. Rund 90€ soll das gute Stück kosten. Doch Geld ist nicht das Thema, denn ich weiß, er ist die Arbeit wert und das Geld kommt einer tollen Sache zu Gute. Platz in meinem Gepäck ist das Problem. Also muss ich stark bleiben und ohne Schal abreisen. Es ist nicht der Schal, der am Ende bleibt, sondern die Erinnerung. Und das ist doch das wichtigste.