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Valle de Cocora und warum es manchmal gut ist sich zu verlaufen

Das Tal der hoch gewachsenen, dünnen Wachspalmen im Valle de Cocora gehört zur Hauptattraktion in Salento. Die Wanderung des "sendero bosque de las palmas" durch malerische Graslandschaften bis zum Nebelwald und den bis zum Himmel ragenden Wachspalmen zählt wohl zu einer der beliebtesten Tagesausflügen in Kolumbien.


Ich breche recht früh morgens auf, da die Jeeps vom Marktplatz um 7.30 Uhr abfahren. Da Wochenende ist und viele Besucher erwartet werden, möchte ich den Morgen nutzen, um etwas Ruhe zu haben. Die Fahrt mit den sogenannten Willys zum Startpunkt der Wanderung dauert etwa 20 Minuten und kostet umgerechnet etwa 4€. Wie es aussieht denken die Kolumbianer hier ökonomisch, denn die Jeeps werden voll gepackt. Zum Schluss befinden sich 13 Leute in bzw. an dem Jeep, da einige Abenteuerlustige auf einer Art Tritt am Heck stehen und sich am Gestänge des Aufbaus fest halten müssen. Ich gehe auf Nummer Sicher und sitze im Inneren, eingequetscht zwischen Niederländern, Deutschen und Franzosen.

Das Schöne an der Wanderung durch das Valle de Cocora ist, dass es eine Rundwanderung ist. Ich habe den Tipp einer Reisenden aus dem Hostel bekommen, den Weg anders herum zu laufen, d.h. mit dem Uhrzeigersinn. So sieht man die Palmen zu Beginn und hat sie fast für sich ehe entweder der Ansturm der Massen oder das schlechte Wetter kommt. Also starre ich nicht wie alle anderen mit der Passage durch das blaue Tor rechter Hand, sondern folge dem Weg geradeaus. Schon nach wenigen Minuten kann ich die ersten hoch ragenden Palmen sehen, die in den blauen Himmel ragen. Ich passiere einige Häuser und sehe viele Pferde, die gestriegelt und gesattelt werden. Pferdereiten ist hier wohl sehr beliebt. Außer mir ist nur ein Pärchen in Gummistiefeln auf dem Weg unterwegs - da es die Tage vorher sehr viel geregnet hat, scheint das eine gute Idee zu sein. Jedoch kann ich mir persönlich nicht vorstellen, eine Tageswanderung in Gummistiefeln zu machen. Ich überquere einen Fluss auf einer improvisierten Brücke und tauche in den Wald ein. Der Weg ist sehr schlammig, aber recht klar zu finden selbst wenn es keine Beschilderung gibt. Irgendwann schließe ich mich mit dem französischen Pärchen an und wir stapfen zusammen den rutschigen, schmalen Pfad entlang. Irgendwann geht es kontinuierlich bergauf. Der Weg ist zeitweise recht ausgewaschen vom Regen und nicht besonders einfach zu passieren. Ein Mann auf einem Pferd kommt uns entgegen. Sonst sind wir alleine. Irgendwann bleiben die Franzosen zurück, da sie eine Pause machen, ich setze den Weg hinauf fort. Irgendwann kommt ich zu einem Gatter, dass ich nach kurzer Überlegung passiere. Es wundert mich etwas, dass selbst nach fast drei Stunden Wanderung auf dem Weg so wenig los ist. Irgendwann komme ich zu einer Kreuzung mit einem Hinweisschild zu einer Finca in einer Stunde Entfernung und einem Pfeil in die Richtung aus der ich komme "Valle de Cocora". Ich bin verwirrt und checke den Pfad auf Maps.me. Bis zur nächsten Kreuzung sind es sechs Stunden Fußweg und ab dort zum Ausgangspunkt nochmal mindestens weitere fünf. Spätestens jetzt ist mir klar, dass dies wohl nicht der richtige Weg ist. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als umzukehren. Also gehe ich zügig den Weg wieder hinunter, den ich in einer guten Stunde so mühsam hinauf gewandert bin. Bei einer Abzweigung etwas weiter unten treffe die die Franzosen wieder, die sichtlich erleichtert sind, dass auch ich umgekehrt bin. Zusammen passieren wir ein Gatter, welches wir vorher nicht wahr genommen haben und wandern etwa zwei Stunden einen schmalen Pfad durch den dicht bewachsenen Wald. Ich bin noch immer verwundert, dass das der richtige Weg ist - wie kann er so dicht bewachsen sein, wenn so viele Menschen die Wanderung machen? Die Franzosen müssen erneut pausieren, ich gehe weiter. Irgendwann komme ich auf eine Weide, die ich überquere, um den Weg durch einen Zaun versperrt zu bekommen. Laut meines digitalen Routenplaners muss ich da durch. Ich gehe am Zaun entlang, sehe aber kein Gatter. Ich überlege kurz. Dann werfe ich meinen Rucksack über den Zaun und robbe unter dem Stacheldraht hindurch. Nach weiteren 20 Minuten kommt erneut ein Zaun. Diesmal höre ich einige Meter unter mir Stimmen und sehe eine breiten, gut präparierten Weg. Aha. Da ist er also. Der richtige Weg. Erneut gibt es kein Tor, also wird auch dieser Zaun elegant unterrobbt. Ich gebe zu, nach fünf Stunden wandern bin ich etwas erleichtert, endlich den richtigen Weg gefunden zu haben. Nun muss ich mich jedoch entscheiden, ob ich links oder rechts herum gehe. Ich frage ein paar Leute, die sowohl aus der einen als auch aus der anderen Richtung kommen. Und es sind erstaunlich viele Menschen unterwegs. Ich entscheide mich für die Richtung zu den Palmen - wegen denen bin ich ja schließlich hier. Nach etwa 20 Minuten und einer Eintrittsgebühr von etwa 3€, sehe ich dann die ersten Palmen. Es gibt zwei wunderbare Aussichtspunkt, von denen man einen tollen Blick über das Tal hat. Ich liege im Gras, schaue in den Himmel und bestaune die Palmen. Und auf einmal tauchen Kondore am Himmel auf, die ihre Kreise um die Palmen ziehen. Der Moment hat etwas Maagisches. Ich lasse mich von all den Menschen, die um mich herum sind, nicht stören und liege einfach nur da und genieße. 
Nach etwa einer halben Stunde breche ich auf, gehe zwischen den Palmen den Hügel hinunter und zur Pforte, die ich wohl heute morgen verpasst habe. Das wundert mich auch nicht, denn heute morgen war hier nichts los. Im Gegensatz zu jetzt: Kioske, Reitgruppen und vor allem Spaziergänger, die lediglich das Palmental besuchen, nicht aber dir Wanderung machen. Verrückt, wie viel los ist. Ich erkenne den Ort von heute morgen nicht wieder. Ich setze meinen Weg zum Parkplatz fort, von wo ich den nächsten Jeep zurück nach Salento nehme.


Auch wenn ich Nebelwald und Kolibrihaus nicht gesehen habe, bin ich letztlich froh, dass ich mich verlaufen habe. Nahezu alleine durch den dichten Wald wandern, über Brücken balancieren und Flüsse passieren - das erlebt man nicht jeden Tag. Ein individueller Rundgang der besonderen Art. Manchmal ist es also gut sich zu verlaufen, um seinen eigenen Weg zu finden.

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