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Calí es Calí

Auf meiner bisherigen Reise habe ich viele Städte kennen gelernt, die ich gerne ein zweites Mal besuchen würde. Aber keine Stadt hat mich bisher so sehr in ihren Bann gezogen wie das etwas schmuddelige und zwielichtige Calí. Calí hat keine besonders schöne Altstadt, kein Weltkulturerbe und keine herausragende Sehenswürdigkeit. Calí hat stattdessen Herz, Lebensfreude, gutes Essen und vor allem: Salsa.


Aufgrund von Straßensperrungen auf der Panamericana Richtung Ecuador, bin ich gezwungen etwas länger in Calí zu bleiben. Bereits seit Wochen ist die Hauptverkehrsstraße in den Süden von Kolumbien aufgrund indigener Proteste blockiert. Die Auseinandersetzungen sind in der letzten Woche gewalttätig geworden und schlichtende Gespräche zwischen Vertretern und Regierung sind gescheitert. Nach mehreren Befragungen von Kolumbianern und mühseligen Recherchen im Netz, komme ich zu dem Schluss, dass ich nicht auf dem Landweg nach Ecuador reisen kann. Zumindest nicht in den kommenden Tagen. Und erst recht nicht alleine. Es ist ja nicht das erste Mal, dass die indigene Bevölkerung Wege blockiert (siehe meine Erfahrung im Tayrona Nationalpark und auf der Isla del Sol), aber in diesem Falle ist es kein touristisches Ziel, sondern eine elementare Verkehrsstraße. Manchmal fällt es mir schwer, so etwas nachzuvollziehen. Zu oft vergesse ich, dass ich in einem Land mit einer anderen Kultur und einer anderen Historie bin - es ist eben immer noch Südamerika. Ein Gutes hatte die Blockade jedoch: ich hatte Zeit, Calí etwas intensiver kennen zu lernen und den Pulsschlag der Stadt zu verstehen. 


Salsa.
Der Pulsschlag von Calí ist ein Salsa Rhythmus. Es gibt mehr als 150 Tanzschulen, in welchen man Salsa im Calí-Style erlernen kann - unabhängig der Vorkenntnisse. Salsa wird hier mit vielen Kicks, kleinen Sprüngen und improvisierten Passagen getanzt und das auch noch in einem Tempo, dass einem schon vom Hinsehen schwindelig wird. Mir gefällt dieser Stil besonders gut, da ich dabei so viel Lebensfreude und Energie spüre. Es geht ums Tanzen und nicht um die richtigen Schritte. Ich habe sowohl eine Einzelstunde genommen (ab 30.000 Pesos) als auch in der Gruppe Unterricht gehabt. Mir persönlich hat der Gruppenunterricht besser gefallen, da er ein echtes sportliches Workout ist und die Aufmerksamkeit nicht so sehr auf der eigenen Performance liegt. Abends ist ein unbedingtes Muss in eine der vielen Salsa Bars zu gehen, egal ob man Salsa tanzt oder nicht! Hier tanzt jeder mit jedem, ob alt mit jung oder Mann mit Mann. Begeistert hat mich auch die dreistündige Free Walking Tour zum Thema Salsa und Graffiti - nach den vielen historischen Stadttouren, dich ich bisher gemacht habe, ist dies mal eine gelungene und interessante Abwechslung. Besuch des Salsa Museums inklusive!


Tanzschule Sabor Manicero | echt schräger und scheußlicher Ort, aber sehr gute Tanzlehrer. Gruppenkurs 50.000 Pesos für 4 Doppelstunden.


La Topa Tolondra | wohl die größte und beliebteste Salsa Bar in Calí. Täglich geöffnet, kostenlose Tanzstunde immer montags.


Rincon de Herberth | etwas schäbiger Ort, aber mit viel Herz und guter Stimmung für einen netten Salsa Abend.


Free Walking Tour Salsa & Graffiti | Spaziergang durch Calí mit dem geschichtlichen Hintergrund des Salsas.


Food.
Kolumbianisches Essen hat mehr zu bieten als frittierte Empanadas. Um in die kulinarische Seite von Calí einzutauchen, sollte man unbedingt die Food Tour buchen. Hier probiert man sich von Ceviche de Mango über Limonade aus Zuckerrohr bis hin zu fünfzehn verschiedenen regionalen Früchten in der tollen Markthalle Galería Alameda. Für nur 30.000 Pesos kann man sich durchs Calís Streetfood kosten. Selbst für Veggies gibt es viele Optionen, was mich in einem südamerikanischen Land wirklich überrascht hat. Ganz besonders lecker ist auch das Eis im Calí-Style: Cholado. Eiswürfel werden fein gecrusht und mit frischen, gewürfelten Früchten und Frucht-Topping und Kondensmilch in einem Becher geschichtet. Mein Favorit: Mango, Ananas und Lulo (eine regionale Frucht mit säuerlichem Geschmack) - himmlisch!


Food Tour Callejeros | von einem Niederländer geführte Tour, der sein Herz an eine caleña verloren hat und seit einigen Jahren in Calí lebt. Großartige Tour!


Trinitario Café | handgemachter Kaffee von zwei Brüdern, die ihren eigenen Kaffee rösten. Unbedingt das hausgemachte Tiramisu probieren und Pulpa de Café, eine Limonade aus den Schalen der Kaffeebohnen.


Merender al Natural Cocina | bietet täglich ein frisch zubereitetes vegetarisches Menü für wenig Geld an. In der Markthalle Galeria Alameda.


Teckel | mexikanische Wraps oder Bowls nach individueller Zusammenstellung. Auch vegetarische Optionen. Direkt neben dem Sucursal Hostel, es gibt 20% Discount für Hostelgäste.


La Emparada | Hausgemachte Empanadas im Blätterteig mit einigen leckeren vegetarischen Varianten. Pro Empanada 2.700 Pesos. Yummie!


Cholado Gourmet | kleiner Eckladen im Viertel Granada.


Herz.
Selten war ich einem Hostel, in dem die Stimmung so gut und familiär ist. Der Besitzer José kennt den Namen jedes einzelnen Gastes und steht rund um die Uhr mit Rat und Tat zur Seite. Er fördert das Miteinander und sorgt für eine Atmosphäre, in welcher man sich rundum wohl und aufgehoben fühlt. Wenn man zusammen in den Liquorshop zum Vorglühen (eine sehr kolumbianische Eigenart) oder zum Tanzen geht, hat er stets ein Auge auf all seine Gäste - insbesondere auf die weiblichen, um sie vor aufdringlichen Kolumbianern zu schützen. Darüberhinaus hat er super Tipps, was man in der Umgebung unternehmen kann. Als ich das zweite Mal ins Hostel eincheckte, linderte er meine Nackenschmerzen mit einer Massage und gab mir Tipps zur Behandlung. Zwei Tage später, als ich schon längst abgereist war, fragte er mich wie es mehr geht - garantiert ohne Hintergedanken. Er ist einfach fürsorglich und mag seine Gäste. Hier gibt es also noch eine individuelle Behandlung mit Herz - das findet man selten.


El Sucursal Hostal | Jeden Tag gibt es kostenlose Salsa Tanzstunden. Danach geht es meist zusammen in eine Salsa Bar und zur nächsten Party. Zimmer im Schlafsaal ab 23.000 Pesos inklusive Frühstück. You are not a guest, you are family!


Stolz.
Die caleños sind besonders stolz auf ihre Stadt. Sie lieben sie. Trotz der hässlichen Ecken, der häufig schwülen erdrückenden Hitze und den noch immer nicht ganz ungefährlichen Orten. Aber Calí ist im Wandel und bemüht sich um mehr Sicherheit und ein ansprechenderes Stadtbild. Ich bin froh, dass ich diese authentischen Stadt so rau und ungeschönt kennen lernen durfte. Ich werde wieder kommen!

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