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Neuland

Nach einigen intensiven Tagen im schwülen, regnerischen Calí meldet sich mein Unternehmensgeist. Ich muss weiter. Etwas planen. Etwas tun. Das Warten auf die Nachricht, dass die Straßenblockaden aufgehoben werden, fängt an mich zu nerven. Also brauche ich Ablenkung. José, der Hostelbesitzer, unterbreitet mir verschiedenste Ideen, was ich in der Umgebung machen kann: Tatacoa-Wüste, Pazifikstrand in Buenaventura oder Lago Calima. Erst bin ich total begeistert von der Wüste, doch die Busfahrt dorthin dauert mehr als 8 Stunden - Kolumbien ist eben doch ein recht großes Land. Ich recherchiere etwas zum See und den dortigen Aktivitäten und plötzlich sagt es etwas in mir: ja, das ist es - ich lerne Kitesurfen!


Der künstliche Stausee im Nordwesten von Calí könnte mit 365 Tagen Wind und ruhigem Süßwasser nicht besser geeignet sein, um Kitesurfing zu lernen. Eigentlich mag ich keine Betätigungen, die auf oder im Wasser stattfinden. Und eigentlich ist mir das Ding mit dem Wind auch etwas zu gefährlich. Aber auf meiner bisherigen Reise habe ich mich ja bereits mehrfach selbst überrascht. Und was spricht eigentlich dagegen, es nicht zumindest einmal zu versuchen?


Mit dem Bus fahre ich in das zwei Stunden entfernte El Darién. Es liegt zwar nicht direkt am See, aber hier gibt es das einzig verfügbare Hostel und ein bißchen Infrastruktur. Ich buche drei Nächte im kleinen Casa del Viento Hostel, in welchem man Bad und Küche mit dem Besitzer Diego teilt. 
Der Tourismus ist hier in El Darién definitiv noch nicht angekommen. Und Rucksackreisende wie mich sieht man hier vermutlich auch nicht jeden Tag. Ich werde  etwas neugierig beäugt, aber das kenne ich ja bereits. Eine nette Dame im Bus, die ich nach dem Weg zum Hostel frage, begleitet mich zum Marktplatz. Sie ist recht beeindruckt, dass ich alleine reise und setzt mich kurzerhand in ein TukTuk. "Hay personas buenas y personas malas." Es gibt gute und schlechte Menschen, sagt sie zum Abschied. Sie rät mir, besser in der Dunkelheit ein Taxi zum Hostel zu nehmen - selbst in diesem verschlafenen Nest El Darién. 

Am nächsten Tag begleitet mich mein Gastgeber, selbst pensionierter Schauspieler, Kitesurfer und Lebenskünstler, zur Kiteschule seines Vertrauens. Die Pescao Kitesurfschule befindet sich in einer alten Lagerhalle direkt am See Calima, etwa 15 Minuten Busfahrt entfernt von El Darién. Der Besitzer selbst kann den Sportlern auf dem Wasser nur vom Land aus zuschauen, denn er sitzt im Rollstuhl. Selbst mal ein prämierter Champion-Kitesurfer, hatte er in jungen Jahren bei der nächtlichen Rückkehr von einem Wettbewerb einen folgenschweren Unfall. Tragisch, dass man jahrelang so einen riskanten und gefährlichen Sport ausübt und sich dann beim Autofahren so schwer verletzt.
Eigentlich will ich nur eine Schnupperstunde, aber ehe ich mich versehe, finde ich mich in einer Anfängerstunde wieder. Diego aus Venezuela ist mein Lehrer. Ich gebe zu, auf Spanisch verstehe ich nicht alles, aber mir fehlt ja auch das Fachjargon. Diego erklärt mir die Sicherheitsvorkehrungen und die Lenkung des Schirms. Dann gehen wir ins Wasser und üben mit dem Schirm umzugehen. Da wir natürlich immer wieder vom Wind abtreiben, müssen wir von einem Schlauchboot wieder ans andere Ende des Sees befördert werden. Am nächsten Tag zeigt mir Diego zu Beginn der beiden Stunden verschiedene Körperpositionen auf dem Brett und wie man aus dem Wasser aufsteht. Erneut üben wir im Wasser, diesmal mit Brett. Es ist Sonntag und auf dem Wasser ist die Hölle los. Das alleine macht mich schon unruhig. Da ich mit dem Schirm noch nicht ganz vertraut bin, habe ich einfach irre Angst, die Kontrolle darüber zu verlieren und mich und andere zu verletzen. Der Schirm wird spanisch übrigens "la cometa" gennant - ziemlich schön, wie ich finde. Das stimmt mich doch schon etwas wohlgesinnter. Diego sagt, ich solle mich entspannen. Mein Körper hat zu viel Spannung. Ich bin zu verkrampft und hektisch im Umgang mit dem Schirm. Ich beiße die Zähne zusammen. Es ist kalt und nass. Einige Male zieht mich der Schirm so heftig übers Wasser, dass mir ganz schwindelig ist. Ich schlucke mindestens zwei Liter Wasser und muss davon ständig rülpsen. Aber ich gebe nicht auf. Schließlich schaffe ich es ein paar Mal mich vom Schirm aus dem Wasser heben zu lassen und auf dem Brett zu stehen. Immerhin. Am Abend bin ich fix und fertig. Alles tut weh. Ich esse noch zu Abend und gehe dann zu Bett.
Am nächsten Tag erwache ich mit Muskelkalter und Schmerzen im Nacken. Ich überlege mir ernsthaft, ob ich überhaupt noch eine weitere Stunde nehmen soll. Meine Motivation liegt noch im Bett und mein Körper beschwert sich. Aber ich weiß insgeheim, dass ich heute nochmal ins Wasser muss. Alleine deswegen, weil  sich das Erlernte festigen muss. Und weil ich ein Erfolgserlebnis brauche. Ich kann mein Kitesurf-Abenteuer unmöglich mit Frust und Schmerzen enden lassen. Also packe ich meine Sachen und mache mich erneut auf Richtung Surfschule. Zu Beginn gibt es nochmal etwas Theorie, dann geht es wieder ins Wasser. Da Montag ist, bin ich fast alleine auf dem Wasser. Mein Lehrer ist diesmal nicht mehr im Wasser, sondern im Schlauchboot und instruiert mich. Nun stellt sich heraus, dass ich doch besser ein paar Vokabeln gebüffelt hätte. Denn wenn man in leichter Panik und Ahnungslosigkeit die Rufe seines Lehrers zwar hört, aber nicht versteht, ist das nicht besonders hilfreich. Letztlich - wer hätte das gedacht - mache ich dann doch Fortschritte. Ich schaffe es, aus dem Wasser aufzustehen und jeweils nach links und nach rechts zu fahren. Selbst die Kontrolle über den Schirm ist heute deutlich besser als gestern. Diego freut sich mit mir und lobt mich nach der Stunde. Es ist noch ein weiter Weg bis ich eigenständig kiten kann. Aber der Anfang ist gemacht. Und ja, es macht sogar Spaß!


Pescao Kitesurfing | eine Stunde Privatunterricht kostet 140.000 Pesos (etwa 40€) inklusive Equipment und Support mit dem Schlauchboot. Die Surfschule bietet auch Privatzimmer zum Übernachten an und hat ein eigenes Restaurant. Noch besser: auf einem der benachbarten Campingplätze zelten. Man kann vom Hostel aus entweder ein Mototaxi nehmen (7.000 Pesos, auf telefonische Bestellung) oder ins Dorf laufen und von dort einen Minibus nehmen (2.500 Pesos) ab dem Busterminal oder vorm Supermarkt La Bomba in der Nähe des Marktplatzes.

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