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Mehr Glück als Verstand

Nicht alles kann man beim Reisen bis ins Detail durchplanen. Unvorhergesehene Ereignisse, Verspätungen oder schlichtweg fehlende Informationen machen einem Perfektionisten das Leben beim Reisen schwer. Ich habe in den letzten Monaten gelernt, flexibler und spontaner zu sein und immer einen Plan B zur Hand zu haben. Mittlerweile plane ich die Reiseroute durch ein Land nur grob, um dann nach und nach meist erst vor Ort die Feinjustierung durch Recherchen und durch Gespräche mit anderen Reisenden und Einheimischen vorzunehmen.


Weniger ist mehr.
Bei meiner Reise nach Ecuador muss ich aufgrund der Straßensperrungen der Panamericana in Kolumbien einige Verzögerungen und Planänderungen hinnehmen. Schnell wird mir klar, dass ich aufgrund des Zeitverlusts nur etwas weniger als zwei Wochen habe, um vom Norden in den Süden zu reisen. Wofür entscheidet man sich in solch einem Fall? Was lohnt es sich anzuschauen? Was muss man gesehen haben? Eines ist mir nach sechs Monaten Backpacking klar: für mich macht es keinen Sinn die Highlights eines Landes beim Reisen wie auf einer Checkliste abzuhaken. Es gibt kein "muss". Und ein "alles" ist schlichtweg unmöglich. Man muss Orte und ganze Regionen eines Landes auslassen und Highlights von der Liste streichen. Ich konzentriere mich mittlerweile lieber auf ein paar Orte, die ich sehen möchte und verweile in diesen etwas länger.


Ab durch die Mitte.
Aufgrund von Zeit- und Budgetlimiterung war mit schnell klar, dass ich die Galapagos Inseln nicht besuchen werde. Auch das Amazonbecken reizt mich persönlich nicht besonders. Trotz dieser beiden wichtigen Entscheidungen gibt es noch hundert verschiedene Möglichkeiten durch Ecuador zu reisen - immerhin ist das Land etwa so groß wie Westdeutschland. Von einer anderen Reisenden habe ich den Tipp erhalten, ins Hochland zu reisen, zu einem Dorf namens Mindo. Dieses liegt zwischen der Küstenstadt Esmeraldas, wo ich mittags lande, und Quito im Landesinneren. Mit einem optimistischen Blick auf die Karte, buche ich kurzerhand eine Übernachtung in einem Hostel für die erste Nacht in Ecuador. Beim Telefonat mit meinem Freund kurz vor Abflug, bin ich dann doch etwas verunsichert, ob ich das zeitlich alles schaffe. Was auf der Karte nicht weit aussieht, kann hier mitunter einige Stunden Busfahrt bedeuten. Am Flughafen durch die Passkontrolle (kann schon mal eine Stunde dauern), dann zum Busterminal, von dort zur nächst größeren Stadt bei Mindo, gegebenenfalls noch mal umsteigen - einen konkreten Plan hatte ich nicht. Informationen zu südamerikanischen Busfahrplänen im Internet sind entweder nicht valide, unvollständig oder gar nicht erst nicht verfügbar. So auch die Route zwischen Esmeraldas und Mindo. Ich versuche immer zu vermeiden irgendwo sehr spät anzukommen oder nachts alleine an einem Busterminal auf einen Anschluss warten zu müssen. Ich bin verunsichert. Sicherheitshalber kontaktiere ich das Hostel in Mindo via WhatsApp über meine ggf. verspätete Ankunft - das funktioniert häufig bei Hostels recht zuverlässig. Auch wenn mein Flug um eine halbe Stunde nach vorne verlegt wurde, was mir etwas mehr Zeit verschafft. Also werfe ich während des Fluges einen Blick in den Reiseführer und überlege mir eine Alternative. Sollte es keine Verbindung an dem Tag ins Hochland nach Mindo geben, reise ich an der Pazifikküste entlang. Ohne vorher gebuchte Übernachtung, ohne zu wissen, an welchem Ort genau ich Halt mache. Ohne Wifi ist die Planung wahrlich eine Herausforderung. Aber darum kümmere ich mich, wenn es soweit ist.
Tatsächlich stehe ich mehr als 45 Minuten in der Schlange an der Passkontrolle. Der Grenzbeamte kennt Mindo noch nicht mal. Ich frage die Taxifahrer, die mir versichern, dass es Verbindungen gibt und mir zwei Busunternehmen nennen. Nach ein wenig Smalltalk mit einem der Taxifahrer, lässt er sich immerhin von 12 auf 10 $ Fahrtkosten zum Busterminal runterhandeln. Dort angekommen stelle mich sofort in die Schlange von TransEsmeraldas. Und dann habe ich mehr Glück als Verstand. In 10 Minuten fährt der Bus Richtung Quito über Mindo. Der nächste Bus würde um 0.55 Uhr fahren, was 11 Stunden Wartezeit am charmanten Busterminal von Esmeraldas und Ankunft mitten in der Nacht in Mindo bedeuten würde - das hätte ich definitiv nicht gemacht. Damit hat das Schicksal meine Reiseroute bestimmt. Ich kaufe das Ticket, welches trotz 4 Stunden Fahrzeit mit 7.50 $ immer noch günstiger als 10 Minuten Taxifahren ist und steige ein. Es geht also ab durch die Mitte. Hallo Hochland!


Fast wie im Kino.
Ich bitte um einen Fensterplatz, denn wenn ich schon tagsüber mit dem Bus fahre, möchte ich möglichst viel sehen. Die nette Dame am Schalter gibt mir den Panoramaplatz wie ich ihn mal nenne: obere Etage, ganz vorne, 180 Grad Blick. Ich bin fast ein bißchen aufgeregt. Und dann geht es auch schon los. Noch nie in meine Leben habe ich so unfassbar viele Palmen gesehen. Und alles ist so wahnsinnig grün. Carlos, mein Sitznachbar, quasselt mich voll und lädt mich ein, eine Woche mit ihm in seinem Auto in den Norden zu reisen. Er muss da beruflich hin. Sehr nett, aber nein danke. Ich höre Musik und bestaune die üppige Vegetation, sehe die einfachen Häuser an mir vorbeiziehen und lächle den winkenden Kinder und den Verkäufern am Straßenrand zu. Irgendwann nicke ich ein und als ich kurze Zeit später aufwache, ist es nicht mehr sonnig und trocken, sondern dunkel und nass. Es regnet wie aus Eimern. Verrückt, dieser Wetterumschwung. Hier muss man also wettertechnisch auf alles gefasst sein.
Kurze Zeit später sind wir auch schon am "Y" angekommen, dort wo sich die Abzweigung von der Schnellstraße zur Landstraße nach Mindo befindet. Der Bus lässt mich hier raus. Ich bin die einzige die aussteigt und es ist dunkel und nass. Ich hoffe instständig, dass hier ein Taxi steht. Und tatsächlich: ein einziges Taxi steht da. Das hat mir wohl ein Schutzengel geschickt. Ich zahle 3 $ für die 7km Fahrt nach Mindo und freue mich, als ich gegen 19.00 im Hostel einchecke. Ich gebe zu: ein bißchen froh bin ich schon, dass alles so reibungslos geklappt hat.

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