Ein ganzes halbes Jahr

Sechs Monate bin ich nun unterwegs. Im Schnitt habe ich alle drei Tage an einem anderen Ort in einem anderen Bett übernachtet. Jeden Tag habe ich etwas Neues erlebt, gesehen oder gelernt. Alltag, Routine, Haushalt, Langeweile, Stress im Job - all das habe ich hinter mir gelassen und gegen dieses große Abenteuer eingetauscht. Abgesehen von all den tollen Orten, interessanten Kulturen und aufregenden Dingen, die ich bisher kennen gelernt habe, hinterlässt solch eine Reise auch Spuren in einem, die tiefer gehen. Spuren, die vielleicht sogar bedeutender und wegweisender für meine Zukunft sind als das Erlebte selbst.


Zeit.
Seit ich unterwegs bin, nehme ich die Zeit, die ich am Tag zu Verfügung habe, anders wahr. Wenn man nicht zehn Stunden im Büro sitzt, weder Haushalt zu führen, noch Kinder zu hüten hat, merkt man, wie lang so ein Tag doch tatsächlich sein kann. Und wie viel man in zehn Stunden unternehmen und erleben kann. Zeit bekommt definitiv eine neue Dimension. Warten stört mich beispielsweise mittlerweile fast gar nicht mehr. Ich sehe es nicht mehr als lästig, sondern sogar manchmal als wertvoll an. Denn in der Wartezeit beschäftige ich mich mit Dingen und Gedanken. Ich beobachte Menschen um mich herum, mache Notizen, schreibe Tagebuch. Ich organisiere den nächsten Tag oder recherchiere, sofern ich Zugang zum World Wide Web habe. Manchmal höre ich auch einfach nur meine Lieblingsplaylist auf Spotify rauf und runter und hänge meinen Gedanken nach. Nichts tun kann ab und an auch sehr befreiend sein. 


Natur.
Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so viel an der frischen Luft wie in den letzten sechs Monaten. Eine besonders wichtige Erkenntnis für mich ist, dass ich mich insbesondere in den Bergwelten ausgesprochen wohl fühle. Ich spüre eine innere Ruhe und eine Geborgenheit, die mir keine andere Landschaft bisher so geben konnte. Und dabei ist es egal, ob es Hügel, Berge oder Vulkane, ob es Patagonien oder die Anden sind. Ich liebe es zu laufen und nur die Natur um mich herum zu hören. Bisher habe ich noch keine gute Idee, wie ich diese Bergsehnsucht mit meiner Rückkehr nach Hamburg verbinden kann. Vielleicht sind es kleine Auszeiten, die ich mir zukünftig regelmäßig in den Bergen gönnen werde; langfristig vielleicht auch ein Umzug.


Proaktiv.
Als Alleinreisende muss man alles alleine organisieren. Und mit meinem schlechten Orientierungssinn einerseits und aus Sicherheitsgründen andererseits, war ich nahezu gezwungen, häufig fremde Menschen um Rat zu fragen oder um Hilfe zu bitten. Ich würde nicht sagen, dass ich vorher ein introvertierter Mensch war. Aber ich hatte eine große Schwäche: ich konnte nur schwer formulieren, was ich will und was nicht. Und ehe ich um Hilfe fragte, habe ich es lieber alleine versucht. Das ist heute definitiv anders. Ehe ich zwei Stunden in die falsche Richtung laufe, frage ich lieber mehrfach nach. Wenn ich ein Problem habe, teile ich es mit anderen und frage nach Unterstützung. In den wenigsten Fällen, bleibt man damit lange alleine. Mittlerweile kann ich Leute - ob im Hostel oder im Bus - richtig gut anquatschen ohne mich überwinden zu müssen. Ich bin offener und angstloser geworden.


Gelassenheit.
Jeder Tag einer Reise ist anders. Jeden Tag mache ich etwas Neues. Manche Dinge klappen dabei nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe und häufig passiert etwas Unvorhergesehenes. Ich habe mittlerweile gelernt, gelassener mit vielen Situationen umzugehen. Mich einerseits von spontanen Planänderungen nicht stressen zu lassen und andererseits Gegebenheiten so hinzunehmen wie sie sind und meine Planung daran anzupassen. Ohne das Vertrauen, dass am Ende alles gut werden wird und das Wissen, dass alles für irgendetwas bestimmt ist, würde ich vermutlich nicht so sorglos und entspannt reisen.


Loslassen.
Viele Dinge in Deutschland habe ich los gelassen. Den Job, mein soziale Umfeld, den Alltag und das Streben nach "immer mehr und immer besser". Das tut mir wahnsinnig gut. Ich sehe auf Bildern, dass ich ein deutlich gelösteres Lachen habe, welches wirklich aus dem Herzen kommt. Dadurch, dass ich weniger Stress habe, ist auch mein Hautbild deutlich besser geworden. Die viele frische Luft tut natürlich ihr Übriges.


Entscheidung.
Schon immer tue ich mir mit Entscheidungen schwer. Ich bin kein besonders impulsiver Typ. Ich wäge Situationen und Umstände ziemlich lange ab und recherchiere in der Regel recht ausgiebig, um alle Fakten auf den Tisch zu legen, ehe ich mich nach reiflicher Überlegung für eine Sache entscheide. Bei so einer langen Reise mit so vielen Optionen ist das schlichtweg nicht möglich. Und da bei einem flexiblen Tages- und Wochenplan durchaus viele Entscheidungen zu treffen sind, war ich gezwungen, mehr in mich hinein zu hören, um Entscheidungen schneller zu treffen. Mehr Bauch als Kopf. Mehr Risiko als Sicherheit. 
Hinzu kommt, dass man alleine in einem Land sechs Monate unterwegs sein könnte - so bin ich dazu übergegangen mich für weniger Orte und selektierte Aktivitäten zu entscheiden, um diese intensiver und gelassener erleben und genießen zu können. Weniger ist mehr!


Zufriedenheit.
Ab und an treffe ich Reisende, die sich selbst in ihrer Auszeit weiterhin gerne über vieles beschweren. Darüber, dass es den ganzen Tag regnet, dass das Museum keine Erklärtafeln auf Englisch hat oder dass es nur zwei Scheiben Toast pro Person zum Frühstück gibt. Ja, das alles können Dinge sein, über die man sich ärgern oder beschweren kann. Ich für meinen Teil beschwere mich so gut wie nie. Ich habe gelernt mit dem zufrieden zu sein, was ich hier geboten bekomme, denn ich weiß, dass diese Reise ein sehr großes Privileg ist. Und durch meine gewonnene Gelassenheit, schaue ich über all die Unzulänglichkeiten und Imperfektionen hinweg, um das alles möglichst in vollen Zügen genießen zu können. 
Dazu kommt eine Zufriedenheit in materieller Hinsicht. Ich reise seit 6 Monaten lediglich mit Handgepäck. Knappe 10 Kilo im 40 Liter Rucksack und weiter 4 Kilo im kleinen 19 Liter Daypack. Und es reicht aus. Manchmal vermisse ich natürlich meine Lieblingsklamotten zu Hause und ich sehne mich manchmal nach mehr Auswahl - insbesondere dann, wenn ich dringend mal wieder waschen muss. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich mit so wenigen Sachen über einen so langen Zeitraum zufrieden sein kann. Es sind also nicht unbedingt die vielen tollen Dinge, die einen glücklich machen. Die wenigen, richtigen Dinge reichen vollkommen aus.


Organisation.
Ich habe unterschätzt wie groß der Aufwand ist, die Tage während einer langen Reise zu organisieren. Vor allem dann, wenn man alle paar Tage den Ort wechselt. Angefangen von groben Routenplanungen über detaillierten Recherchen zu Aktivitäten    vor Ort bis hin zu Fragen zu Transportmitteln, Unterkünften und Restaurants. Ich studiere Reiseführer, lese Blogs und durchforste Empfehlungen auf Plattformen und in Foren. Im Schnitt verbringe ich sicherlich ein bis zwei Stunden täglich mit dem Thema Organisation.


Vermissen.
Ja, ich vermisse zu Hause. Ich vermisse meinen Freund. Ich vermisse meine Familie und die Möglichkeit mit meinen Freundinnen ein Glas Wein zu trinken und stundenlang zu quatschen. Es ist kein schlimmes Vermissen mit Tränen und Herzschmerz. Es ist ein gutes Gefühl, weil es mir zeigt, dass all diese Menschen und Orte, die mir fehlen, etwas bedeuten. Und das ist gut so.
Nach drei Monaten Reisen war ich so motiviert und begeistert vom Reisen, dass ich sogar ernsthaft darüber nachdachte aus meinen acht Monaten zehn zu machen. Jedoch konnte ich mich nicht so wirklich für die Umbuchung des Rückfluges durchringen und einige Wochen später war ein großer Teil von mir froh, dass ich es nicht getan habe. Nach fünf Monaten merkte ich, wie mir - abgesehen von Freunden und Familie - die Routine fehlt, der Alltag, meine Komfortzone, meine Wohnung und mein eigenes Bett. Dazu kommt ein in meinen Augen noch viel wichtigerer Punkt: mit der Zeit sieht man so viele Orte, Landschaften, Märkte, Thermen, Nationalparks, Ruinen und Kolonialgebäude, dass die einzelnen Sehenswürdigkeiten leider etwas an Glanz verlieren. Alles folgt so dicht aufeinander, dass ein Vergleich untereinander unausweichlich ist. Und das wird manchen Orten einfach nicht gerecht. 
Für die Zukunft wäre für mich ideal, wenn ich alle ein bis zwei Jahre jeweils für drei Monate am Stück reisen könnte. Dann würde sich auch der Flug in ein fernes Land aus nachhaltiger Sicht eher vertragen. Und dazwischen gibt es kleine Auszeiten in der näheren Umgebung, zu denen man nicht unbedingt fliegen muss. So lernt man auch seine Heimat und die daneben liegenden Länder besser kennen.


Im Großen und Ganzen gefällt mir das Alleinereisen sehr gut. Auch wenn ich gerne manche Entscheidungen abgeben und Erfahrungen mit jemandem hautnah teilen würde. Jedoch kommt man als Alleinreisender vor allem mit anderen Reisenden viel eher in Kontakt. Ich habe dadurch viele unterschiedliche Lebenskonzepte und Perspektiven zum Reisen kennen gelernt. Auch der Kontakt mit Einheimischen ist als Alleinreisender deutlich leichter - egal ob durch Couchsurfing, beim Salsakurs oder im Bus. Häufig sind es diese Gespräch, die authentische Einblicke in die Lebensbedingungen und in die Kultur eines Landes gewähren. Und sie erweitern den eigenen Horizont um Meilen. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass ich all diese Erfahrungen machen und diese vielen Menschen treffen durfte. Und ich bereue keinen einzigen Tag, diesen Schritt gegangen zu sein. Auf geht's in die weiteren acht Wochen Abenteuer, die auf mich warten!

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Kommentare: 1
  • #1

    Hähnchen (Sonntag, 14 April 2019 19:46)

    Ein sehr ehrliches und gutes Zwischenergebnis! :*