· 

Um Haaresbreite

Ich mache mich nachmittags auf den Weg nach Latacunga, weil ich von dort aus eine mehrtägige Wanderung machen möchte. Dafür muss ich mit dem Stadtbus in den Süden von Quito, da am Terminal Quitumbre die Busse nach Latacunga fahren. Dort angekommen geht alles ganz schnell, ich frage nach dem Bus, schiebe die 3.50$ über den Tresen und in 5 Minuten fährt er dann schon ab. Ich sprinte zum Abfahrsbereich, verstaue meinen großen Rucksack im Gepäckfach des Busses und frage den Fahrer beim Einsteigen, ob es feste Sitzplätze gibt. Er meint, ich könne jeden Sitz nehmen, den ich möchte, da es keine Reservierungen gibt. Also steige ich leicht gehetzt ein und setze mich in die zweite Reihe. Nach weniger als einer Minute kommt ein Typ zu mir und bittet mich, dass ich auf einen Sitzplatz in den hinteren Reihen umziehe. Er macht einen so selbstbewussten und offiziellen Eindruck, dass ich davon ausgehe, dass er zur Busgesellschaft gehört selbst wenn er anders gekleidet ist. Ich denke mir nichts dabei und komme der Bitte nach. Als ich mich hinsetze, möchte er meinen kleinen Rucksack, in dem sich natürlich meine Wertsachen befinden, im oberen Fach verstauen. Ich verneine und sage, dass ich den Rucksack bei mir haben möchte. Dann solle ich ihn bitte unter dem Sitz verstauen. Aus Sicherheitsgründen. Merkwürdig, denke ich mir noch. Das ist das erste Mal, dass es so konkrete Anweisungen gibt. Er hilft mir und ich merke nicht, wie er den Rucksack so dreht, dass die Öffnung nach hinten schaut. Ich bin skeptisch, da er den Rucksack extrem weit nach hinten drückt unter meinen Sitz. Als er weg ist, schiebe ich ihn mit den Füßen wieder etwas nach vorne. Der Bus fährt los und ich hänge meinen Gedanken zur bevorstehenden Wanderung nach. Nach etwa 15 Minuten ist mein ungutes Gefühl noch immer da. Irgendetwas stimmt nicht. Meiner Intuition folgend krame ich meinen Rucksack hervor. Und da sehe ich, dass das Hauptfach nicht ganz geschlossen ist. Und es war geschlossen, als ich ihn das letzte Mal in der Hand hatte. Mein Puls wird schneller. Ich öffne das Fach und sehe, dass aus meinem Beutel die 100$ fehlen, die ich für die Wanderung abgehoben habe, da es unterwegs keine Bank gibt. Die Kreditkarte ist glücklicherweise noch da. Genauso mein Pass, da er versteckt in einem anderen Fach ist. Allerdings fehlt eines meiner wichtigsten Dinge auf der Reise: mein Handy. Orientierungshilfe, Organisationsheld, Kommunikationsmittel und Medium für Erinnerungen. "Nein..." fluche ich leise und krame hektisch in meinem Rucksack herum. Dann geht alles im Autopiloten. Ich springe von meinem Sitz auf, drehe mich um. Da ist niemand. Da der Bus noch nicht gehalten hat, muss der Dieb aber noch hier drinnen sein. Ich schaue in die Sitzbänke hinter mir und starre ich Kinderaugen. Ich frage auf spanisch, ob jemand von denen mein Handy gesehen hat. Leichte Panik ist in meiner Stimme. Niemand reagiert. Ich frage erneut, spreche konkret ein paar Jungs an. Wieder reagiert niemand. Dann blicke ich nach rechts in die Runde und sage diesmal mit Verzweiflung in der Stimme "ayudame, por favor" - helft mir bitte. Und eine junge Mutter reagiert und zeigt auf zwei Männer, die eben noch hinter mir saßen und auf dem Weg nach vorne zum Ausgang sind. Ich sprinte den Gang nach vorne, rufe irgendetwas auf spanisch, der Bus fährt noch immer. Menschen in den vorderen Reihen sagen etwas zum Busfahrer, das ich allerdings nicht verstehe. Zwei der drei Typen stehen schon vorne und warten, dass die Tür aufgeht. Ich sehe mein Handy schon aussteigen und davon laufen. Dann sehe ich, wie der letzte der drei Diebe beim nach vorne laufen fast unbemerkt etwas auf einen freien Sitz schmeißt. Das Geld und viel wichtiger: mein Handy. Ich atme auf. Gehe weiter nach vorne und dann wird es tumultig und chaotisch. Der Busfahrer weigert sich glücklicherweise die Tür für die Männer zu öffnen. Die Diebe klopfen wild an die Scheibe und schreien, dass sie sofort aussteigen wollen, die anderen Passagiere rufen, dass die Männer mich bestohlen haben, die Busangestellten stellen sich zwischen die Diebe und die Tür und ich bin einfach nur sprachlos irgendwo dazwischen. Plötzlich sehe ich Blaulicht im Fenster. Der Bus hält direkt neben zwei Polizeibeamten, die an der Straße stehen. Passagiere im Bus klopfen an die Scheibe, um den Beamten zu signalisieren, dass hier drinnen etwas nicht stimmt. Es ist ein Vorort von Quito. Kein besonders schöner Ort um auszusteigen. Ich werde diesen Bus auf keinen Fall verlassen. Nicht hier, nicht alleine. Dann öffnet der Busfahrer die Tür und die drei Diebe werden von den Beamten empfangen. Sie stellen die Typen an die Wand, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt. Ein Polizist kommt herein und stellt mir zwei Fragen, ich antworte in meinem schlechtesten Spanisch. Im Schock habe ich einfach alles an Vokabular und Grammatik vergessen. Er versteht die Situation auch so. Immerhin bin ich die einzige Touristin im ganzen Bus und das alleine reicht schon aus, um zu wissen, was passiert ist. E fragt mehrmals nach, ob ich alle Dinge wieder habe. Ich nicke. Dann wird auch schon die Tür wieder geschlossen und wir fahren weiter. Ich bedanke mich mehrfach bei den Busfahrern und den Passagieren für Ihre Hilfe und entschuldige mich für die Verzögerung. Die ganze Fahrt über halte ich meinen Rucksack fest auf dem Schoß. Mein Sitznachbar meint nur mit einem schiefen Lächeln, dass ich in Latacunga besser ein Taxi zum Hostel nehmen soll. Ich lächle zurück und nicke. Ja, nach diesem Schock auf jeden Fall. 


Glück im Unglück nennt man das wohl. Ich ärgere mich, wie naiv ich sein konnte. Aber nachdem sechs Monate nichts passiert ist, bin ich wohl etwas nachlässig geworden. Manchmal ist es eben schwer zwischen Hilfsbereitschaft, Anweisungen und bösen Absichten zu unterscheiden. Aber meine Intuition hat mich auf jeden Fall nicht im Stich gelassen. Und es ist gut, dass ich ihr nach gegangen bin und relativ schnell reagiert habe. Es war mir auf jeden Fall eine Lehre, dass ich wieder vorsichtiger sein und besser auf meine Sachen Achtgeben muss. Und auch wenn ich es manchmal beim Reisen vergesse, wird mir umso klarer, dass es eben noch immer Südamerika ist und solche Dinge hier an der Tagesordnung sind. Leider.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0