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Schwesterherzen

Man sagt ja, dass Geschwister untereinander eine besondere Beziehung haben. Ich für meinen Teil kann das nur bestätigen. Mit keinen anderen Menschen auf dieser Erde habe ich bisher so viel erlebt, geteilt, gestritten und geheult. Wir können schamlos ehrlich zueinander sein, uns sagen wie lieb wir uns haben, uns kritisieren und über unsere Ängste, Sorgen, Erfolge und glücklichen Moment sprechen. Wir gehen voreinander auf Toilette, helfen uns gegenseitig Haare an schlecht zugänglichen Körperstellen zu entfernen und diskutieren miteinander, selbst wenn einer nackt unter der Dusche steht. Es ist eine besondere Art der Liebe, der Intimität und des einander gut kennens, das diese Beziehung aus macht. Da ich zwei Schwestern habe und wir altersmäßig recht nah beieinander sind, ist diese Verbindung wohl noch intensiver als sie vielleicht sonst unter Geschwistern ist.


Jedes Jahr verbringen wir drei Grazien mit unserer Mutter ein verlängertes Mädels-Wochenende in einer europäischen Stadt, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Kurz bevor ich meine große Reise angetreten habe, fand dieses Wochenende in Paris statt. Für mich durchaus passend, da ich so nochmal etwas Family-Power tanken konnte. Als wir im Café sitzen, ich entspannt an meinem Tee nippe und gerade in Quassellaune von meinen Reiseplänen erzähle, kramt meine kleine Schwester plötzlich in ihrer Handtasche einen Umschlag hervor. Mit freudestrahlenden Augen übergibt sie ihn mir feierlich, dabei wirft sie meiner Mutter einen schelmisch-komplizenhaften Blick zu. Sie weiß also Bescheid. "Oh, ein Geschenk für die Reise!" denke ich. Wie schön. Ich öffne den Umschlag und muss zwei mal lesen. Nee, nix für die Reise. Dafür was für's Leben: ich werde Tante. Ich bin sprachlos. Ich freue mich so sehr, dass ich gar nicht weiß, was ich sagen soll. Meine Mutter, je älter desto näher am Wasser gebaut, muss direkt anfangen zu weinen. Ich umarme meine kleine Schwester ganz fest und sage ihr, wie sehr ich mich für die beiden freue. Verrückt, was für ein Timing, letztes Jahr geheiratet, Haus gekauft und jetzt Kind gemacht. Und ausgerechnet jetzt. Ich werde alles verpassen. Alles. Der erste Nachwuchs der Familie macht sich auf den Weg und ich bin am anderen Ende der Welt. Aber wer hätte das schon wissen können. Und was hätte sich für mich geändert? Nichts. Denn das Leben der anderen geht weiter. Es bleibt nicht alles beim Alten, während man selbst jeden Tag Neues erlebt. Einige Dinge haben natürlich Bestand, viele Kleinigkeiten ändern sich und dann gibt es eben noch diese großen Ereignisse, bei denen man damit rechnen muss, sie zu verpassen. Das gehört dazu. Das ist Teil der Entscheidung.

Als wir wenige Tage später am Bahngleis stehen, ist mir etwas mulmig zumute. Ich werde 8 Monate unterwegs sein. Und jetzt ist der Moment des Abschieds gekommen. Ich drücke meine kleine Schwester ganz fest und stelle schockiert fest: "Wenn wir uns das nächste mal sehen, dann bist du Mutter." Sie nickt nur. Ich glaube, dass uns allen das erst in diesem Moment bewusst wird. Mein Kloß im Hals ist groß. Weil Abschied, weil Wehmut und auch ein wenig Angst. 


Die kommenden Monate bekomme ich immer mal wieder ein Bild oder ein Video vom wachsenden Babybauch geschickt. Ich freue mich jedes Mal sehr darüber. Spüre aber auch, dass das wahnsinnig weit weg ist. Diese Distanz und diese Veränderungen - man kann sie nicht mit Medien kompensieren. Nicht wirklich. Man ist irgendwie mit dabei, kann aber nicht wirklich teilhaben. Man ist mehr informiert, als involviert. Und keinen trifft die Schuld. Es geht einfach nicht anders.


Als ich die Nachricht erhalte, dass mein kleiner Neffe das Licht der Welt erblickt hat, passiere ich gerade die Sicherheitskontrolle in Mexico City. Ich weiß nicht, ob ich aus Freude oder Traurigkeit heulen muss. Vielleicht ein bißchen aus beidem. Ich stehe einfach da, zwischen den Duty Free Regalen und weiß nicht wohin mit mir. Solch ein Gefühl habe ich ziemlich selten und ich kann es nicht richtig einordnen. Ich schaue das Bild von meinem klitzekleinen Neffen in den kommenden Stunden der Wartezeit sicherlich 15 Mal an. Es ist irgendwie irreal. Wenn ich im Sommer nach Hause komme, dann ist der Knirps etwa zwei Monate und meine Schwester sicherlich so schlank wie vor der Schwangerschaft. Ich habe sie nie mit eigenen Augen mit Babybauch gesehen. Konnte nie ihre pralle Kugel berühren, um zu spüren, dass es echt ist. So was können Bilder und Videos nicht transportieren. Es fühlt sich schon jetzt so an, als wäre der Kleine einfach so vom Himmel gefallen. 


Also beschließe ich, dass sie einfach schnell noch ein weiteres Kind bekommt, damit ich dann regelmäßige Schwangerschaftsbesuche machen kann. Genau, so machen wir das. Und bis es so weit ist, verbringe ich einfach viel Zeit mit meinem Neffen. Mein erster Besuch der frisch gebackenen Eltern ist bereits dick im Kalender markiert. Und wie meine große Schwester so schön geschrieben hat: Vincent bleibt jetzt für immer und wir können ihn nach Herzenslust verwöhnen und verziehen. Hach, wie schön.

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Kommentare: 3
  • #1

    Manisha (Dienstag, 07 Mai 2019 09:17)

    ❤️❤️❤️

  • #2

    Helen (Donnerstag, 09 Mai 2019 09:24)

    Jetzt bist du Tante!!Herzlichen Glückwunsch!!

  • #3

    Tatjana (Donnerstag, 09 Mai 2019 09:52)

    Ich musste gerade eine Träne unterdrücken :*