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Chichi, my love

Mein Wecker klingelt morgens um 6.00 Uhr. Ich habe gehört, dass es sich lohnt früh aufzustehen. Dann, wenn die ersten Verkäufer langsam ihre Schätze auspacken; wenn die Straßen nur mit Einheimischen gefüllt sind; wenn die Sonne noch nicht so gnadenlos vom Himmel brennt. Chichicastenango hat eigentlich nicht besonders viel zu bieten. Das ändert sich jedoch zweimal die Woche, wenn in "Chichi" Markttag ist. Jeweils Donnerstag und Sonntag ist die kleine Stadt Schauplatz des größten Handwerkermarktes in Guatemala. Insbesondere sind dies Textilien, Accessoires und Bekleidung. Grund genug für mich hier einen Stopp einzulegen.


Als ich um 6.30 Uhr durch die nahezu leeren Gassen des Marktes schlendere, bin ich weit und breit die einzige Fremde. Touristen werden hier erst ab 10 Uhr erwartet, wenn die großen Reisebusse aus Antigua ankommen und eine gigantische Ladung Shoppinglustiger ausspuckt. Besonders schön finde ich, dass die einheimischen Damen fast alle die traditionelle, farbenfroh gemusterte Kleidung tragen. Das nenne ich mal gekonnten Mustermix! Ich schaue mir all die wunderbaren Textilien an mit all ihren herrlich bunten Farben und den aufwendigen Stickereien. Ich bin so überwältigt von dieser Pracht, dass ich gar nichts kaufen kann. Ich brauche zwei Stunden Inspektion bis ich mich endlich zum Kauf von zwei Taschen entschließe. Natürlich nicht ohne etwas zu handeln. Zwar muss man als Tourist immer noch deutlich mehr bezahlen als all die Einheimischen. Aber das finde ich okay. Immerhin weiß ich hier, wo das Geld hinfließt, denn man kann nachfragen, wer genau das Produkt hergestellt hat. 
Und dann gibt es dort noch diese tollen traditionellen Gürtel. Ich finde einen Stand, dessen Besitzer nicht so aufdringlich ist wie all die anderen. Ich stehe vor dieser meterhohen Wand von Gürteln und denke nur, dass einer ist schöner als der andere ist. Ich kann mich nicht statt sehen. Und dann plötzlich findet er mich. Der erste Griff geht zu einem Gürtel mit einem grafischen Muster, etwas schmaler und weicher als all die anderen. Ich probiere ihn an und fühle mich sofort wohl mit ihm. Der nette Verkäufer zeigt mir, wie ihn die Damen hier tragen. Und gibt mir Tipps, wie ich ihn mit etwas handwerklichem Geschick zu einem Kameraband oder Taschengurt umfunktionieren kann. Ich probiere noch ein paar andere, schaue immer wieder zur Wand hinauf, ob es nicht doch noch einen schöneren gibt. Nein. Der ist es. Der muss es sein. Er hat sich mich ausgesucht. Nicht anders herum. Das grafische Muster ist traditionell für die Region um Chichi. Das freut mich besonders, da es die Verbindung zu diesem Ort und diesem besonderen Markt noch verstärkt. Ich bin beeindruckt davon, dass die Handwerkerin diesen ich wochenlanger Arbeit gefertigt hat - kaum vorstellbar für uns, die wir in dieser schnelllebigen Welt zu Hause sind. Es ist also ein echtes, sprichwörtliches Slow Fashion Teil. Mit Geschichte. Mit Herz. Mit Hand.

Chichicastenango Markt | jeden Donnerstag und Sonntag ab 6.30 Uhr. Neben Textilien, Accessoires und Bekleidung gibt es auch noch Holzmasken, Schmuck, Körbe, Decken und etliche Souvenirs mehr. Ach so und man kann auch Obst, Gemüse, Truthähne, Küken und kleine Ferkel kaufen.


Antojitos Tzocomá | dieses Airbnb Zimmer gehört zu einem Restaurant. Schöner Innenhof und sehr saubere Bäder und Zimmer. Die Inhaberin hat einen Sohn, der in Deutschland lebt und freut sich daher sehr über deutsche Gäste. Für 15.50€ die Nacht nicht gerade billig, aber dafür gibt es ein sehr üppiges Frühstück am nächsten Morgen und eine gehörige Portion Gastfreundschaft.

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Kommentare: 1
  • #1

    Pablo Osorio (Donnerstag, 20 Februar 2020 12:28)

    Hallo Juli, zufällig habe ich dein Website gefunden. Danke dass du über unseres Reastaurant "Antojitos Tzocomá" geschrieben hast. Wir freuen uns auf jeden Fall wenn uns Reisende aus Deuscthland besuchen =) und du bist in Chichicastenango und in unserem Haus wieder wilkommen!!! LG aus Marburg, Pablo