VEGetariAN

Der Urlaub in Israel war in vielerlei Hinsicht prägend für mich. Nicht nur in Bezug auf die Entscheidung zu der bevorstehenden Reise. Sondern auch in Hinsicht auf das Thema Ernährung. In Tel Aviv, der Stadt die auch die "vegan capital of the world" genannt wird, habe ich an einer veganen Food Tour teilgenommen. Mit über 400 veganen und vegetarischen Restaurants und 200.000 ortsansässigen Veganern, wohl der beste Ort um dies zu tun.
Unser sehr netter und fließend englisch sprechende Guide Ariel führte uns mehrere Stunden durch vier wunderbare vegane Restaurants in Tel Aviv. Nebenbei gab er uns Infos zur Stadt sowie zu Land und Leuten. Darüber hinaus sorgte er für eine sehr entspannte Atmosphäre, in welcher Veganer, Vegetarier, Flexitarier und Fleischesser miteinander über Ernährung diskutierten und länderspezifische kulinarische Gepflogenheiten austauschten. Neben den unfassbar leckeren Gerichten, die wir verspeisten, hat es mich vor allem motiviert, mich mehr mit dem Thema zu befassen. Ariel empfahl mir die Reportage "Cowspiracy" auf Netflix zu sehen. Dies tat ich einige Wochen später, wieder zurück in Deutschland. Das veränderte ziemlich viel.


Ich war hin und her gerissen zwischen Stolz und Scham - Gefühle, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Seit mehr als 18 Jahren esse ich kein Fleisch mehr. Laut dem Online Fleisch Rechner habe ich damit bereits 0.8 Rinder, 10.4 Schweine und 205 Hühner im Vergleich zum Durchschnittsdeutschen nicht gegessen. Darüber hinaus habe ich damit 63 Behandlungen mit Antibiotika, 9.909.298 Liter Wasser und 6061.6 kg CO2 eingespart. Als Vegetarier ein Grund stolz zu sein. Dennoch wird in der Reportage der Verzehr von Milch und Eiern sowie die Haltung von Tieren zur landwirtschaftlichen Nutzung hinterfragt. Und das zu Recht. Denn selbst, wenn sich alle Menschen vegetarisch ernähren würden, wäre diese Welt nicht groß genug um alle mit einer ähnlichen Ernährung satt zu bekommen. Den geringsten Fußabdruck hinterlassen wir, wenn wir vegan leben. Dann gäbe es genug für alle. Außerdem: Wie kann man eigentlich Milch trinken, die eigentlich als Muttermilch für andere Lebewesen zur Aufzucht gedacht ist? Wie kann man Eier essen, die streng genommen Tiere im sehr frühen Pränatalstadium sind? Irgendwie ist das auch aus Sicht eines Vegetariers schräg. Nicht, dass ich mir die Fragen nicht schon mal gestellt habe. Ich achte sehr auf die Herkunft der Milchprodukte und Eier, die ich esse. Aber die Grundfrage lässt mich dennoch nicht los. Ich beschließe, jede vierte Woche im Monat vegan zu essen. Zusammen mit meiner weitgehend glutenfreien Ernährung eine weitere Stufe in der Komplexitätsmatrix.


Nach einem Monat und einem glutenfreien und veganem Aufenthalt in Mailand, ziehe ich ein erstes Fazit: Es fällt mir schwer. Insbesondere deswegen, weil ich viel reise und demnach auch häufig unterwegs essen muss. Und am meisten stört mich, dass ich mit meinen komplexen, dazu noch freiwillig gewählten Ernährungsmethoden auch meine Mitreisenden (entschuldige, liebe Caro und danke, dass du das Experiment mitgemacht hast) manchmal an die Grenze ihrer Geduld bringe. Denn die Suche nach einem passenden Imbiss oder Restaurant ist häufig eine Herausforderung und dazu noch unbequem und zeitintensiv. So bleibt es leider bis auf Weiteres bei dieser einen veganen Woche. Ich bin gescheitert.


Ein paar Wochen später nehme ich an einem Workshop des WWF zum Thema "Design Thinking" beim Summerstale Festival teil. Es geht darum, Lösungsansätze zu finden um mehr Nachhaltigkeit in den Alltag von Konsumenten zu bringen. Im Team durchläuft man alle Stufen des Design Thinking Prozesses und beleuchtet sein Problem von verschiedenen Seiten. Mein Problem: die vegane Woche. Nach nur 20 Minuten gibt mir meine Teampartnerin folgenden Rat: "Setze dich nicht so unter Druck, was das Thema angeht. Sei nicht so streng mit dir selbst! Wieso muss es eine Woche sein? Warum nimmst du nicht einzelne Tage im Monat, an denen es besser in deinen Zeitplan passt?" Ich bin sofort begeistert. Auf diese grandiose Idee bin ich selbst nicht gekommen. Da in mir ein kleines Gewohnheitstier lebt, entschließe ich mich 2 Tage die Woche vegan zu essen. Der "vegan d-day" ist geboren.
Nach weiteren vier Wochen weiß ich: es funktioniert! Toll daran ist, dass ich mich sehr gut darauf einstellen kann und beispielsweise Termine wie ein Abendessen mit Freunden auf die Tage lege, an denen ich vegetarisch esse. Ich erlaube mir, auch mal die Regel zu brechen und Tage zu tauschen, wenn es besser in meinen Alltag passt und ich Zeit habe selbst vegan und glutenfrei zu kochen (Danke an dieser Stelle an meine wunderbare Schwester, die in meinen Ernährungsfragen immer Rücksicht auf mich genommen und für mich all die glutenfreien und veganen Dinge gekocht hat.)


Da Südamerika ja nicht unbedingt als veganes Schlaraffenland bekannt ist, wird in den kommenden Monaten meine Ernährungsroutine etwas auf den Kopf gestellt werden. Meine wunderbare Schwester (mal wieder!) hatte daraufhin die kluge Idee, mindestens eine Mahlzeit am Tag vegan zu halten oder immer dann, wenn es ohne weiteres möglich ist, vegan zu essen. Gesagt, getan.